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Blindschleiche – Anguis fragilis

Einheimische – Art
Reptil des Jahres 2017 – Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde

Klasse: Reptilien
Ordnung: Schuppenkriechtiere
Familie: Schleichen
Art: Blindschleiche

Geschichte: Der Name Blindschleiche leitet sich nicht von der Sehfähigkeit des Tieres ab, sondern stammt vom althochdeutschen Wort „plintslîcho“ ab. Das Wort plint bedeutete im Althochdeutschen ursprünglich „blendend“ oder „glänzend“ (bezogen auf den metallischen Glanz der Schuppen).
Im Laufe der Sprachgeschichte wurde aus der „blendenden Schleiche“ fälschlicherweise eine „blinde Schleiche“.
Die Blindschleiche ist keineswegs blind, sondern besitzt voll funktionsfähige Augen mit beweglichen Augenlidern. Zudem handelt es sich biologisch gesehen nicht um eine Schlange, sondern um eine beineinlose Echse

Mythologie: …

Buchtipps:
– …

Beschreibung: Die Oberseite variiert von hellgrau über braun bis hin zu kupfer- oder bronzefarben. Die Unterseite ist dunkler (schwarz bis bläulich-grau). Langgestreckt, fußlos und mit glänzender, wachsartiger Haut. Der Kopf geht ohne erkennbaren Hals in den Rumpf über
Gesamtlänge : Bis zu 50cm
Gewicht: 10g – 30g
Herzfrequenz: In Aktivitätsphasen; 20 – 40 Schläge pro Minute, in der Winterstarre; 2 – 3 Schläge pro Minute
Körpertemperatur: In Aktivitätsphasen; 20°C – 25°C, in der Winterstarre; 4°C – 8°C

Sinnesleistung:
Sehvermögen: Funktionstüchtige Augen mit runden Pupillen und beweglichen Augenlidern, mit denen sie blinzeln können. Ihre Sehleistung ist jedoch mäßig; sie sind unter anderem farbenblind und reagieren visuell vor allem auf Bewegungen
Gehör: Blindschleichen besitzen kleine, meist von Schuppen verdeckte Ohröffnungen und ein funktionierendes Innenohr. Sie hören im klassischen Sinne zwar nicht besonders gut, reagieren dafür aber extrem empfindlich auf Bodenerschütterungen (Vibrationen), wodurch sie Feinde oder herannahende Beute frühzeitig wahrnehmen
Geruchsinn: Genau wie Schlangen nimmt die Blindschleiche mit ihrer leicht gespaltenen Zunge kleinste Duftpartikel aus der Luft und vom Boden auf
Geschmacksinn: Nach dem Einziehen der Zunge führt sie diese an das sogenannte Jacobson-Organ (vomeronasales Organ) im Gaumendach. Dieses hochspezialisierte Sinnesorgan analysiert die Partikel. Dadurch kann die Blindschleiche Beutetiere wie Nacktschnecken oder Regenwürmer präzise orten und prüfen, ob sich der Zugriff lohnt
Lautäußerung: Blindschleichen geben selbst keine stimmlichen Laute von sich. Sie besitzen keine Stimmbänder und leben vollkommen stumm

Lebenserwartung: Bis zu 30 Jahre
Lebensraum: Kühle, feuchte und strukturreiche Lebensräume mit einer dichten, krautigen Vegetation und sonnigen Plätzen zur Wärmeregulierung
Nest: Blindschleichen bauen keine Nester und betreiben auch keine klassische Brutpflege wie Vögel
Lebensweise: Einzelgänger, dämmerungs- und nachtaktiv. Tagsüber ruhen sie gut getarnt unter Rinde, Steinen oder Moos. Die Tiere suchen ihre Winterquartiere meist von Mitte Oktober bis Anfang November auf. Oft überwintern mehrere Tiere (5 bis 30, selten über 100 Individuen) gemeinsam in einem Quartier. Ältere Tiere liegen dabei oft tiefer als junge. Ab März oder Anfang April verlassen die Blindschleichen ihre Quartiere, um sich zu wärmen und auf Nahrungssuche zu gehen

Fortbewegung: Kriecht vorwärts und rückwärts. Schwimmen gut
Nahrung: Ameisen, Asseln, Heuschrecken, Käfer, Nacktschnecken (90% der täglichen Nahrung), Spinnen
Sonstiges: Blindschleichen gehen meist in der Abenddämmerung oder am frühen Morgen auf die Jagd
Kot: Kotballen sind meist klein, länglich und leicht zylindrisch, ähnlich wie bei kleinen Eidechsen. Dunkelbraun bis schwarz, oft mit einer weißlichen oder hellen Spitze (Harnstoff/Harnkristalle). Wenn sich die Tiere bedroht fühlen, scheiden sie Kot und Harn zusammen als ein dünnflüssiges, extrem übelriechendes Gemisch aus der Kloake aus, um Angreifer zu verschrecken. Normaler abgesetzter Kot in ihrem Versteck ist dagegen fester

Fortpflanzung: Nach dem Schlupf Nestflüchter, hat keinen festen oder baulichen „Geburtsort“ im klassischen Sinne, da sie lebendgebärend (ovovivipar) ist. Die Jungtiere kommen voll entwickelt an geschützten, warmen und feuchten Plätze wie unter Totholz, in Laubhaufen oder lockerer Erde zur Welt
Paarungszeit: Ende April – Juni
Balzverhalten: Bevor es zur eigentlichen Balz kommt, herrscht unter den Männchen eine hohe Aggressivität. Treffen zwei Männchen aufeinander, tragen sie heftige Kämpfe aus. Sie versuchen, sich gegenseitig in die Flanken zu beißen. Der Angegriffene flacht seinen Körper ab und dreht dem Gegner den breiteren Rücken zu, um den Biss abzuwehren. Die Männchen spüren die Weibchen aktiv über deren Duftstoffe (Pheromone) auf, die sie mit ihrer gespaltenen Zunge über das Jacobson-Organ im Gaumen wahrnehmen. Hat das Männchen ein Weibchen gefunden, umkriecht er sie, stupst sie sanft an und schmiegt sich parallel an ihren Körper
Brutdauer: Die Jungtiere wachsen 11 – 14 Wochen im Bauch des Weibchens heran, das Weibchen bringt die lebenden Jungtiere schließlich zwischen Juni und August zur Welt
Schlupfzeit: Mitte Juli – September
Gelegegröße: 6 – 12 Jungtiere
Anzahl der Gelege: 1 Wurf alle zwei Jahre
Brutpflege: Eine Brutpflege im klassischen Sinne findet bei der Blindschleiche nicht statt. Die Elterntiere kümmern sich nach der Geburt nicht mehr um ihren Nachwuchs
Selbstständig: Ab der ersten Minute vollkommen selbstständig
Geschlechtsreife: 3 – 5 Jahre
Jungensterblichkeit: Hoch, über 60% – 80% erreichen das Erwachsenenalter nicht
Sonstiges: …

Natürliche Feinde: Amphibien, Dachse, Eulen, Fasane, Füchse, Greifvögel, Hermeline, Hühner, Hunde, Igel, Iltisse, Katzen, Marder, Rabenvögel, Ratten, Reiher, Reptilien, Störche, Wildschweine
Abwehrverhalten: Bei starker Bedrohung oder wenn sie am Hinterkörper gepackt wird, wirft die Blindschleiche an einer Sollbruchstelle ihren Schwanz ab. Das abgetrennte Stück zappelt minutenlang weiter, irritiert den Angreifer und verschafft der Echse Zeit zur Flucht. Der Schwanz wächst nur als kurzer Stumpf nach. Wird das Tier ergriffen, windet es sich heftig und sondert aus der Kloake übelriechenden Kot und Harn ab, um dem Feind den Appetit zu verderben. Oft verharren Blindschleichen bei Gefahr völlig regungslos (Zentralisation), um dank ihrer braun-grauen Färbung im Unterholz übersehen zu werden. In manchen Fällen pressen sie die zugespitzte Hornschuppe ihres Schwanzendes gegen den Angreifer, um einen „Stich“ vorzutäuschen, obwohl sie keinen Stachel besitzen
Krankheiten: Milben, Würmer

Schutzstatus:
– Bundesnaturschutzgesetz – Besonders geschützt
Es ist streng verboten, Blindschleichen zu töten, zu fangen, zu verletzen. Es drohen bei Verstoß bis zu 50.000 € Strafe oder bis zu 3 Jahre Freiheitsstrafe!
Im Bundesjagdgesetz (BJagdG): Nein

Funktion im Ökosystem: Blindschleichen sind fleischfressende Jäger, die sich meist langsam durch das Dickicht oder die obere Bodenschicht bewegen. Sie regulieren die Populationen verschiedener Kleintiere. Sie fressen mit Vorliebe nackte Wegschnecken und Ackerschnecken. Dadurch schützt sie indirekt Pflanzen und gilt in Gärten als biologischer Schädlingsbekämpfer. Zum Speiseplan gehören auch Regenwürmer, Asseln, Spinnen, Raupen und weiche Insektenlarven. Da Blindschleichen weder giftig sind noch über starke Verteidigungswaffen verfügen, sind sie eine essentielle Proteinquelle für eine Vielzahl größerer Raubtiere. Greifvögel, Störche, Reiher und Rabenvögel jagen sie häufig. Füchse, Dachse, Igel und Marder fressen Blindschleichen. In der Nähe von Siedlungen sind leider auchKatzen große Prädaktoren. Größere Schlangen, wie die Schlingnatter, erbeuten ebenfalls Blindschleichen. Weil Blindschleichen auf strukturreiche Übergangszonen angewiesen sind (wie Waldränder, Hecken, Brachflächen und Komposthaufen), gilt ihr Vorkommen als Zeichen für ein intaktes, abwechslungsreiches Mikroklima und ein gesundes Angebot an Bodentieren

Blindschleichen brauchen Hilfe, wenn …
– sie offene Wunden haben (Rasenmäher, Katzenbiss) oder apathisch wirken
– sie in einem tiefen Kellerschacht, einer Regentonne oder einem Lichtschacht fest sitzen, aus dem es aus eigener Kraft nicht mehr herauskommen
– sie mitten auf einer viel befahrenen Straße oder einem Gehweg liegt
– sie während der kalten Wintermonate (Gartenarbeiten im Kompost) versehentlich ausgegraben wird, erfriert sie an der Oberfläche

Wie helfe ich richtig?
– Handschuhe anziehen (Eigenschutz)
– Wie anfassen? Niemals am hinteren Körperdrittel anfassen. Stattdessen vorsichtig an der vorderen Körperhälfte oder sanft mit einem Stöckchen in einen Eimer oder Blumentopf schieben
– Tier vorsichtig in einen verschließbaren Karton mit Luftlöchern, der mit einem leicht feuchten (nicht nassen!) Küchentuch ausgelegt ist
– Reptilien sind wechselwarme Tiere und extrem empfindlich. Umgehend einen tierärztlichen Notdienst (vorab fragen, ob sie Reptilien/Wildtiere behandeln), eine lokale Wildtierstation oder Reptilienauffangstation kontaktieren
– Nach der Abgabe an fachkundige Stelle, Hände gut waschen und desinfizieren (Eigenschutz)

Was kann ich tun um Konflikte zu vermeiden?
– Tiere vor dem Mähen vertreiben, indem man fest auf den Boden stampft – Blindschleichen nehmen die Erschütterungen wahr und flüchten
– Idealerweise in den Mittagsstunden mähen, wenn die Tiere weniger aktiv auf offenen Flächen sind, oder eine Sense nutzen
– Beim Umsetzen des Komposts (besonders mit Mistgabeln) äußerst behutsam vorgehen
– Der Verzicht auf Schneckenkorn und Pestizide schützt die Tiere vor Vergiftungen durch kontaminierte Nahrung (wie Nacktschnecken)

Was kann ich tun um die Blindschleichen zu unterstützen?
– Totholz und Asthaufen an sonnigen bis halbschattigen Plätzen aufschichten. Das Holz dient als Unterschlupf und wärmender Rückzugsort
– Laub- und Komposthaufen bieten Feuchtigkeit, Schutz und durch den Zersetzungsprozess wohlige Wärme. Zudem locken sie wichtige Beutetiere an
– Ein sonniger Steinhaufen bietet ideale Bedingungen zum Sonnenbaden und schnellen Verstecken bei Gefahr
– Im Garten keine Pestizide oder chemischen Insektizide einsetzen, da diese die Nahrungsgrundlage vernichten oder die Tiere direkt schädigen
– Mähroboter nicht in den Abend- oder Nachtstunden laufen, da die schleichenden Tiere oft zu spät erkannt werden und schwere Verletzungen davontragen können
– Rückzugsorte durch dornige Sträucher oder dichte Büsche sichern, damit Katzen den wehrlosen Tieren nicht gefährlich werden
– Nicht jeder Bereich im Garten muss perfekt aufgeräumt sein. Etwas höheres Gras oder eine verwilderte Ecke hinter dem Kompost reichen oft schon aus

Über den Experten: caroline.schoch

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