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Sumpfschildkröte – Emys orbicularis

Einheimische – Art

Klasse: Reptilien
Ordnung: Schildkröten
Familie: Neuwelt-Sumpfschildkröten
Art: Europäische Sumpfschildkröte

Geschichte: Die Europäische Sumpfschildkröte hat eine faszinierende Entwicklungs- und Verbreitungsgeschichte. Obwohl sie die einzige in Mitteleuropa heimische Schildkrötenart ist, liegt ihr evolutionärer Ursprung überraschenderweise auf der anderen Seite des Atlantiks. Wissenschaftlich gehört sie zur Familie der Neuwelt-Sumpfschildkröten (Emydidae). Fast alle nahen Verwandten dieser Familie leben auf dem amerikanischen Kontinent. Vor Jahrmillionen – als die Kontinente noch anders miteinander verbunden waren – gelangten die Vorfahren der Gattung Emys über prähistorische Landbrücken von Nordamerika nach Eurasien. Beschrieben wurde sie erstmals 1758 von Carl von Linné als Testudo orbicularis (kreisrunde Schildkröte). Erst 1806 ordnete der französische Zoologe André Duméril sie der heutigen Gattung Emys zu. Während der letzten großen Eiszeit war Mitteleuropa zu kalt für die wechselwarmen Tiere. Die Sumpfschildkröten zogen sich in wärmere Refugien im Mittelmeerraum (Südeuropa und Nordafrika) zurück. In einer nacheiszeitlichen Wärmeperiode (vor ca. 8.000 bis 10.000 Jahren) wanderte die Art massiv nach Norden ein. Da Britannien und Südschweden zu dieser Zeit noch über Landbrücken mit dem Festland verbunden waren, besiedelte sie damals sogar England und Skandinavien. Als das Klima später wieder kühler und atlantischer wurde, starben die nördlichsten Populationen aus. Es bildeten sich über die Jahrtausende hinweg geografisch isolierte Unterarten und genetische Linien (Haplotypen) heraus. Da die Kirche Schildkröten im Mittelalter aufgrund ihrer Lebensweise im Wasser biologisch als „Fische“ deklarierte, wurden sie zu einer extrem begehrten Fastenspeise. Sie wurden tonnenweise aus der Natur abgesammelt und auf Märkten verkauft. Zusammen mit der systematischen Trockenlegung von Mooren, Auen und Feuchtgebieten (Lebensraumverlust) führte die Bejagung dazu, dass die Art im 18. und 19. Jahrhundert in weiten Teilen Deutschlands, der Schweiz und Österreichs praktisch ausgerottet wurde. In Deutschland haben nur ganz wenige, isolierte Restbestände (vor allem in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern) nachweislich ohne menschlichen Einfluss überlebt

Mythologie: …

Buchtipps:
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Beschreibung: Ovaler Rückenpanzer (Carapax) oft dunkl, braun oder schwarz, kann ein Muster aus feinen gelben Punkten oder Linien tragen, die oft auf den einzelnen Schilden von einem Zentrum ausstrahlend angeordnet sind. Bauchpanzer (Plastron) einheitlich gelb, wolkig gefleckt, gesprenkelt, dunkel oder sogar völlig schwarz. Gliedmaßen und Hals sind dunkelbraun bis schwarz gefärbt und weisen häufig ebenfalls gelbe Zeichnungselemente auf. Gliedmaßen und Schwanz sind von groben Schuppen bedeckt, die Haut von Kopf und Hals ist glatt. Hinter dem Kopf, der breiter als der Hals ist, sieht man eine Hautfalte, die beim Einziehen eine taschenartige Hülle bildet. Die Kiefer tragen unbezahnte scharfe Hornschneiden. Die Augen haben runde Pupillen. Männchen haben meist eine auffällige rote, rötlich-braune oder orangefarbene Iris. Weibchen besitzen in der Regel eine gelbe bis gelb-grünliche Iris. Zwischen den fünf Zehen der Vorderbeine und den vier der Hinterbeine spannen sich Schwimmhäute. Alle Zehen sind außerdem mit einer Kralle versehen, wobei besonders die Vorderkrallen bei den Männchen deutlich stärker gekrümmt sind
Rückenpanzerlänge : 12cm – 20cm
Gesamthöhe: 5cm – 8cm
Gewicht: 400g – 1.500g
Herzfrequenz: In Aktivitätsphasen; 20 – 60 Schläge pro Minute, in der Winterstarre; 1 – 2 Schläge pro Minute
Körpertemperatur: In Aktivitätsphasen; 20°C – 30°C, in der Winterstarre; 4°C – 6°C

Sinnesleistung:
Sehvermögen: Augen sitzen seitlich im vorderen Bereich des Kopfes. Diese Position ermöglicht den Tieren ein extrem weites Sichtfeld, das fast einem Rundumblick gleicht. Ihr Sehvermögen ist primär auf die Weitsicht optimiert. Objekte in unmittelbarer Nähe sehen sie dagegen weniger scharf. Ausgezeichnetes Farbsehen (Tetrachromaten). Sie können Farben wesentlich feiner differenzieren als Menschen. Ihr Sehbereich reicht bis in das nahe Infrarot- und Ultraviolett-Spektrum (UV) hinein. Sie reagieren besonders stark auf leuchtende Farben, vor allem auf Rottöne. Das hilft ihnen bei der Nahrungssuche und bei der Partnerwahl. Als Semiaquaten (die sowohl an Land als auch im Wasser leben) besitzen sie Augen, die unter und über Wasser gut funktionieren. Wenn sie an der Oberfläche treiben, schauen oft nur die Nasenspitze und die Augen aus dem Wasser heraus, um die Umgebung nach Feinden abzusuchen
Gehör: Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass ihr Gehör unter Wasser deutlich empfindlicher ist als an der Luft. Die luftgefüllte Höhle im Mittelohr wirkt unter Wasser wie ein Resonanzkörper. Sie sind Tieftonspezialisten. Ihr optimaler Hörbereich liegt in einem sehr niedrigen Frequenzband zwischen 300Hz und 600Hz. Töne über 1.000 Hz können sie kaum noch oder gar nicht mehr wahrnehmen. An der Luft nehmen sie Geräusche (wie das Sprechen von Menschen) eher als dumpfes Brummen oder tiefe Vibrationen wahr.
Geruchsinn: Als Wasserschildkröte leitet sie Aromastoffe über kauend-pumpende Bewegungen des Unterkiefers und des Halses gezielt an ihre Geruchsrezeptoren im Rachenraum weiter. So kann sie Gerüche sowohl an Land als auch unter Wasser wahrnehmen. Genanalysen bei Schildkröten zeigen, dass sie über eine sehr hohe Anzahl an Geruchsrezeptor-Genen verfügen und feine Duftnuancen teils besser wahrnehmen als Hunde
Geschmacksinn: Sumpfschildkröten besitzen fleischige, relativ unbewegliche Zungen, auf deren Oberseite sich Geschmacksrezeptoren (Geschmacksknospen) befinden. Sie können damit grundlegende Geschmacksrichtungen wie süß, sauer, salzig und bitter unterscheiden. Da sie sich vorwiegend fleischlich (karnivor) von Schnecken, Insekten und Krebsen ernähren, ist vermutlich auch die Wahrnehmung von Umami (eiweißreich/herzhaft) für sie wichtig
Sonstiges: Entgegen der Annahme, der Panzer sei eine leblose Rüstung, ist er stark durchblutet und mit Nervenbahnen durchzogen. Sumpfschildkröten nehmen Berührungen, Druck und auch Temperaturveränderungen (wie die wärmenden Strahlen beim Sonnenbaden) sehr genau auf ihrem Panzer und der Haut wahr
Lautäußerung: Fauchen und Zischen (Abwehrgeräusch), Glucksen/Brummen (Partnerwahl oder Revierabgrenzung)

Lebenserwartung: Bis zu 100 Jahre
Lebensraum: Flache, stehende oder langsam fließende Gewässern mit reichem Pflanzenwuchs und schlammigem Grund
Nest: Suchen stark sonnenexponierte, südlich ausgerichtete und vegetationsfreie Bereiche wie Sand- oder Erdflächen im Umfeld ihrer Wohngewässer auf
Lebensweise: Tagaktiv, stark wärmeliebende Wasserschildkröte, die den Großteil ihres Lebens in ruhigen, flachen und pflanzenreichen Stillgewässern verbringt

Fortbewegung: Im Wasser sehr agil. Nutzt ihre kräftigen, mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen ausgestatteten Füße als Paddel. Bei Störungen taucht sie blitzschnell ab und kann sich zudem am schlammigen Gewässergrund verbergen oder ruhen. An Land bewegt sie sich eher schwerfällig auf ihren kräftigen Beinen fort. Die Beine tragen scharfe Krallen, die ihr beim Klettern (z. B. auf Totholz zum Sonnenbaden) helfen
Nahrung: Aas, Algen, Amphibien, Insektenlarven, Kleine, kranke oder tote Fische, Krebstiere, Mückenlarven, Muscheln, Laichkrautgewächse, Wasserlinsen, Wasserschnecken, Wasserpest,Wildkräuter, Würmer
Sonstiges: …
Kot: Dunkelbraun bis schwarz, länglich geformt und relativ fest. Da die Tiere im Wasser fressen und verdauen, setzen sie ihren Kot meist direkt im Wasser ab. Würstchenförmig und kompakt, sollte nicht breiig oder schleimig sein. Kann unverdaute Reste wie winzige Insektenpanzer (Chitin) oder Pflanzenfasern enthalten. Da die Schildkröten fast ausschließlich im Wasser schlucken und leben, löst sich der Kot im Teich oder Aquarium oft schnell auf, wenn er nicht zeitnah gefiltert wird

Fortpflanzung: Nach dem Schlupf Nestflüchter, werden meist an sonnenexponierten, offenen und trockenen Stellen als Ei abgelegt (z. B. Sandböden, Waldränder oder Dünen), oft bis zu einen Kilometer vom Gewässer entfernt
Paarungszeit: März – Mai
Balzverhalten: Das Männchen nähert sich dem Weibchen und schwimmt um es herum. Dabei berührt oder stupst es das Weibchen mit dem Kopf und den Vorderbeinen an
Brutdauer: 4 – 8 Wochen tragen die Weibchen die Eier in sich, dann graben sie eine bis zu 12cm tiefe Grube und legen dort die Eier ab
Schlupfzeit: August – September
Gelegegröße: 6 – 20 Eier
Anzahl der Gelege: 1 pro Jahr
Brutpflege: Keinerlei Brutpflege durch die Elterntiere
Selbstständig: Von der ersten Sekunde an nach dem Schlupf
Geschlechtsreife: 10 – 15 Jahre
Jungensterblichkeit: Extrem hoch bei ca. 95 % bis 99 % was bedeutet, dass statistisch gesehen nur etwa 1 von 100 geschlüpften oder gelegten Schildkröten das Erwachsenenalter erreicht
Sonstiges: Sobald die Mutter die Eier im Frühsommer im Boden vergraben hat, verlässt sie das Gelege. Die Entwicklung und das spätere Überleben der Jungtiere hängen komplett von ihren natürlichen Instinkten ab

Natürliche Feinde: Eier und Gelege (Dachse, Füchse Marder, Waschbär, Wildschweine). Schlüpflinge und Jungtiere (Große Fische wie Hecht und Wels). Ausgewachsene Schildkröten (Elstern, Hunde, Katzen, Krähen, Mink , Möwen, Raben, Reiher
Abwehrverhalten: Flucht ins Wasser, verstecken im tiefen Bodenschlamm oder im dichten Pflanzenwuchs, Schutzpanzer, Tarnung, Kloakensekret
Krankheiten: Atemwegsinfektionen, Citrobacter, Fettleibigkeit, Geißeltierchen (Hexamita), Knochenweiche (Rachitis)
Wachstumsstörungen, Würmer

Schutzstatus:
– Bundesnaturschutzgesetz – Streng geschützt
– Rote Liste Deutschlands – Vom Aussterben bedroht
– FFH Richtlinie II, IV
– EU-Artenschutzverordnung – Anhang A
Es ist verboten, europäische Sumpfschildkröten zu fangen, zu töten, zu verletzen oder zu beunruhigen sowie ihre Fortpflanzungs- und Ruhestätten zu beschädigen.. Es drohen bei Verstoß bis zu 65.000 € Strafe oder bis zu 5 Jahre Freiheitsstrafe!
Im Bundesjagdgesetz (BJagdG): Nein

Funktion im Ökosystem: Als Allesfresser frisst sie vor allem Wasserschnecken, Muscheln, Würmer, Insektenlarven sowie Amphibien und deren Kaulquappen. Dadurch hält sie das biologische Gleichgewicht im Kleinsektor der Gewässer stabil. Sie ernährt sich gelegentlich auch von kranken oder bereits toten Fischen sowie Amphibien und wirkt somit als natürlicher „Gesundheitspolizist“ oder Aasfresser im Biotop. Da die Sumpfschildkröte hohe Ansprüche an ihren Lebensraum stellt (strukturreiche Flachwasserzonen, Totholz zum Sonnenbaden sowie sandige, sonnige Landzonen für die Eiablage), schützt ihr Erhalt automatisch auch viele andere seltene Feuchtgebietsarten

Europäische Sumpfschildkröten brauchen Hilfe, wenn …
– sie einen gebrochen Panzer, offene Wunden, tiefe Risse oder blutige Stellen (z. B. nach einem Verkehrsunfall oder einer Hundeattacke) hat]
– sie sich auf einer befahrenen Straße, Baustelle oder fernab jedes Gewässers in einer ungesicherten Umgebung befinden
– sie völlig apathisch sind, nicht reagieren, geschwollene oder eingefallene Augen haben oder faule, weiche Stellen am Panzer (Panzernekrosen) zu sehen sind
– sie nachweislich in einem stark gefährdeten Bereich (z. B. auf einem Acker während der Feldbearbeitung zur Eiablagezeit) ausgesetzt oder

Wie helfe ich richtig?
– Handschuhe anziehen (Eigenschutz)
– Tier in einen ausbruchsicheren, dunklen Karton mit Luftlöchern setzen
– Stress und Hitze vermeiden, dies kann für Reptilien im Schockzustand tödlich sein
– Verletzte oder geschwächte Sumpfschildkröte niemals in tiefes Wasser oder eine gefüllte Badewanne setzen. Sie könnte aufgrund der Schwäche ertrinken. Ein feuchtes Handtuch unter dem Tier reicht völlig aus, um ein Austrocknen zu verhindern
– Offene Wunden sofort vor Fliegen (z. B. durch Abdecken der Box mit einem feinen Netz/Gaze) schützen
– Die Europäische Sumpfschildkröte ist streng geschützt. Tiere dürfen nicht behalten oder selbst gesund gepflegt werden
– Lokale Reptilienauffangstation, Wildtierstation, reptilienkundigen Tierarzt (normale Kleintierärzte sind oft nicht auf Schildkrötenpanzer spezialisiert) kontaktieren
– Untere Naturschutzbehörde muss informiert werden, da Funde dieser Art meldepflichtig sind
– Nach der Abgabe an fachkundige Stelle, Hände gut waschen und desinfizieren (Eigenschutz)

Was kann ich tun um Konflikte zu vermeiden?
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Was kann ich tun um die europäische Sumpfschildkröte zu unterstützen?
– Gelege- und Tierpatenschaften übernehmen diese unterstützen den Schutz von Eiern und Jungtieren vor Fressfeinden (wie Füchsen oder Waschbären) durch finanzielle Hilfe bei Organisationen oder Zoos (z. B. im Rahmen von Artenschutzprojekten)
– Bei der Pflege von Flachgewässern, der Freihaltung sonniger Uferzonen oder der Anlage von sandigen Eiablageplätzen in regionalen Projekten helfen
– Niemals gekaufte Schmuck- oder Sumpfschildkröten in der Natur aussetzen, da dies heimische Populationen gefährdet und Krankheiten übertragen können
– Die Art braucht sonnige, flache Gewässer mit intaktem Sumpf- und Uferbereich sowie ungestörten Sonnenplätzen. Da die Art in vielen Regionen fast ausgestorben ist, helfen koordinierte Nachzuchtprogramme in Zoos und Auffangstationen beim Aufbau stabiler Bestände



Über den Experten: caroline.schoch

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