Einheimische – Art
Reptil des Jahres 2024
Klasse: Reptilien
Ordnung: Schuppenkriechtiere
Familie: Vipern
Art: Kreuzotter
Geschichte: Die Kreuzotter gilt in Mitteleuropa als ein sogenanntes Glazialrelikt (Eiszeitüberbleibsel) und boreales Faunenelement. Während der letzten Kaltzeiten überlebt die kälteangepasste Schlange in eisfreien Rückzugsgebieten (Refugien) in Europa und Asien. Nach dem Rückzug der Gletscher wanderte die Art extrem weit nach Norden und Osten und besiedelte als einzige Schlangenart Gebiete nördlich des Polarkreises. Sie ist bis heute perfekt an kühle, feuchte Lebensräume wie Moore, Heiden und Hochgebirge angepasst.
Der Name der Kreuzotter setzt sich aus zwei historischen Begriffen zusammen. Kreuz-Bezieht sich auf das markante Zickzack- oder Kreuzmuster auf dem Rücken und dem Kopf der Schlange. Im Alt- und Mittelhochdeutschen (krūzi / kriuz) stand das Wort ursprünglich für das christliche Kreuz, wurde aber früh auf kreuzförmige oder sich kreuzende Linienstrukturen übertragen. Otter stammt vom althochdeutschen otter ab, was im weiteren Sinne mit „Wasser-“ oder „Feuchtgänger“ (verwandt mit dem Fischotter) oder schlicht mit Schlange/Natter assoziiert war. Es betonte die Vorliebe der Schlange für feuchte Moore und Sumpfgebiete.
Der wissenschaftliche Name Vipera berus hat ebenfalls eine historische Bedeutung. Vipera ist eine Verkürzung des lateinischen vivipara und bedeutet „lebendgebärend“. Dies beschreibt die Fortpflanzung, bei der die Jungtiere direkt im Mutterleib ausgebrütet werden. Berus geht vermutlich auf das germanische Wort baere (ebenfalls für „gebären“) zurück.
1758 beschrieb der schwedische Naturforscher Carl von Linné die Kreuzotter erstmals wissenschaftlich in seinem berühmten Werk Systema Naturae. Er führte sie kurioserweise unter drei verschiedenen Namen auf (Coluber Berus, Coluber chersea und später Coluber prester), weil er die stark variierenden Färbungen (wie z.B. komplett schwarze Kreuzottern) fälschlicherweise für unterschiedliche Arten hielt. 1803 fasste der französische Zoologe François-Marie Daudin die Beschreibungen zusammen und etablierte die heute noch gültige Kombination Vipera berus.
Jahrhundertelang galt die Kreuzotter als Schädling und Bedrohung. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden in vielen Regionen Fangprämien gezahlt, weshalb jährlich zehntausende Tiere erschlagen wurden. Heute steht die Kreuzotter unter strengem Naturschutz und gilt durch die Zerstörung ihrer Lebensräume (wie dem Trockenlegen von Mooren) in Deutschland als stark gefährdet
Mythologie: Im christlichen Mitteleuropa galt ihr Muster paradoxerweise einerseits als Zeichen Gottes, das der Schlange besondere Heilkräfte verlieh, andererseits wurde sie – wie alle Schlangen im Christentum – als Symbol der Sünde, der Täuschung und des Teufels gebrandmarkt. Der „schröckliche Gifftwurm“: Bis in die Neuzeit hinein wurde sie in Europa dämonisiert. Man glaubte, sie sei eine Ausgeburt des Bösen, was über Jahrhunderte hinweg zu ihrer systematischen Verfolgung führte.
In den Überlieferungen Nord- und Mitteleuropas taucht die Kreuzotter aufgrund ihres Verbreitungsgebiets (sie ist die einzige Schlange nördlich des Polarkreises) immer wieder auf.
In der nordischen Mythologie wird die Kreuzotter aufgrund ihrer Tarnung und List oft mit dem Gott Loki assoziiert, dem Gott der Täuschung und des Wandels. Während die gigantische Midgardschlange (Jormungand) den gesamten Ozean umspannt, galt die Kreuzotter in ländlichen Sagen oft als deren kleines, irdisches Abbild – ein Wesen, das die Schwelle zwischen der Oberwelt und der Unterwelt bewacht.
Wie die mit ihr verwandte Aspisviper ist die Mythologie der Kreuzotter eng mit dem Äskulapkult (Asklepios), dem griechisch-römischen Gott der Heilkunst, verwoben.Das Gift der Viper galt in der Antike und im Mittelalter in der richtigen Dosierung als starkes Heilmittel (Theriak). Die Häutung der Schlange stand zudem symbolisch für Wiedergeburt, Verjüngung und Unsterblichkeit.
In den Alpensagen und im mitteleuropäischen Volksglauben existieren skurrile Mythen rund um die Giftschlange. Die Otternkönigin; es hieß, dass unter den Kreuzottern eine „Königin“ existiere, die eine winzige, goldene Krone auf dem Kopf trage. Wer ihr diese Krone rauben konnte, sollte zu unermesslichem Reichtum und der Fähigkeit gelangen, die Sprache der Tiere zu verstehen.
Es herrschte der Aberglaube, der bloße, starre Blick einer Kreuzotter (die aufgrund ihrer durchsichtigen Augenschuppe nicht blinzeln kann) könne Menschen oder Vieh verhexen oder lähmen
Buchtipps:
– …
Beschreibung: Die Grundfarbe variiert stark. Männchen sind oft silbergrau bis hellgrau, Weibchen eher braun oder rötlich. Ein typisches Kennzeichen ist das dunkle, oft zahn- oder rautenförmige Zickzackband auf dem Rücken. Es gibt auch komplett schwarze Exemplare (Höllenottern), bei denen das Zickzackmuster kaum zu erkennen ist. Sie besitzt senkrechte, schlitzförmige Pupillen und eine rötliche Iris
Gesamtlänge : Bis zu 80cm
Gewicht: Ca. 300g
Herzfrequenz: In Aktivitätsphasen; 40 – 50 Schläge pro Minute, in der Winterstarre; 3 – 5 Schläge pro Minute
Körpertemperatur: In Aktivitätsphasen; 28°C – 34°C, in der Winterstarre; 4°C – 7°C
Sinnesleistung:
Sehvermögen: Auf das Erkennen von Formen und Bewegungen spezialisiert. Reglose Objekte nimmt sie optisch kaum wahr
Gehör: Kreuzottern besitzen keine Außenohren oder Trommelfelle und können Schallwellen in der Luft daher kaum hören. Sie nehmen stattdessen die leisesten Erschütterungen des Bodens (Trittschall) wahr
Geruchsinn: Die Schlange streckt ihre gespaltene Zunge aus (Züngeln), um winzige Duftpartikel aus der Luft und vom Boden aufzunehmen. Beim Zurückziehen führt sie die Zungenspitzen in zwei Vertiefungen im Gaumen. Dort analysieren spezielle Sinneszellen die chemischen Signale. Durch die gespaltene Zunge kann die Kreuzotter sogar die exakte Richtung bestimmen, aus der ein Geruch kommt (Fährte eines Beutetiers)
Geschmacksinn: Die Kreuzotter besitzt keinen hochentwickelten Geschmackssinn im klassischen Sinne, sondern nimmt chemische Reize (Geschmack und Geruch) primär über ein kombiniertes System wahr.. Jakobsonsches Organ
Lautäußerung: Fauchen und Zischen (bei Bedrohung), hörbares Zischen oder Fauchen (bei Bedrängniss), lautes Ausatmen (letzte Drohgebärde und Warnung vor Biss)
Lebenserwartung: Bis zu 30 Jahre
Lebensraum: Kühle Regionen mit hoher Luftfeuchtigkeit, Totholz, Zwergsträucher (wie Heidekraut), hohe Gräser, sonnige Plätze zum Aufwärmen, feuchte Bereiche in der Norddeutschen Tiefebene, in Mittelgebirgen und in den Alpen bis in 3.000m Höhe
Nest: Kreuzottern bauen keine Nester und legen keine Eier, sondern bringen ihre lebenden Jungen zur Welt
Lebensweise: Einzelgänger, tagaktiv. Sehr scheu. Ab Mitte oder Ende Oktober suchen die wechselwarmen Schlangen geschützte, frostfreie Verstecke auf. Oft überwintern viele Kreuzottern zusammen mit Artgenossen oder anderen Reptilien in denselben Hohlräumen, um Wärme zu sparen. Je nach Wetter und Region wachen die Schlangen zwischen Februar und April wieder auf. Nach dem Verlassen des Quartiers sonnen sie sich auf flachen Steinen oder altem Holz, um ihre Betriebstemperatur zu erreichen
Fortbewegung: Eher langsam und behäbig, verglichen mit schlankeren Schlangenarten wie der Ringelnatter. Sie kann hervorragend schwimmen. Gelegentlich klettert sie auf niedrige Büsche oder kleine Hügel, um sich zu sonnen
Nahrung: Amphibien, Feld-, Erd-, Rötel- und Wühlmäuse, junge Wiesel, Maulwürfe
Sonstiges: Die Kreuzotter ist eine Lauerjägerin. Sie beißt ihre Beute und injiziert Gift, um sie zu lähmen. Danach verfolgt sie das Beutetier anhand seiner Duftspur
Kot: Der Kot ist meist länglich, breiig bis flüssig und dunkelbraun bis schwarz. Ein typisches Merkmal ist der feste, kreideartige weiße oder gelbliche Pfropf aus Harnsäure, den Reptilien zusammen mit dem Kot ausscheiden. Schlangen brechen oder koten sehr selten, da sie ihre Nahrung fast vollständig verdauen (inklusive Knochen bei Kleinsäugern). Meistens findet man eher abgestreifte Haut (Schlangenhaut) als Kot
Fortpflanzung: Nach dem Schlupf Nestflüchter, hat keinen festen oder baulichen „Geburtsort“ im klassischen Sinne, da sie lebendgebärend (ovovivipar) ist. Die Jungtiere kommen voll entwickelt im schützenden Unterholz, in Hohlräumen unter Wurzeln oder in Felsspalten zur Welt
Paarungszeit: April – Mai
Balzverhalten: Männchen werden vor der Paarungszeit fast weißlich hellgrau, wodurch das Zickzackband stark hervortritt. Weibchen sonnen sich intensiv auf wenigen Quadratmetern, um ihre Eier im Körper zu reifen, und werden so von Männchen gefunden. Die eigentliche Balz folgt festen Regeln und kann stunden- oder tagelang dauern, bis das Weibchen die Paarung akzeptiert. Bei Störungen durch Rivalen kommt es zu ritualisierten, unblutigen Kämpfen, bei denen sich die Männchen mit aufgerichteten Oberkörpern umschlingen und wegzustoßen versuchen
Brutdauer: Die Jungtiere wachsen 2 bis 3 Monate im Bauch des Weibchens heran, das Weibchen bringt die lebenden Jungtiere schließlich zwischen Juni und August zur Welt
Schlupfzeit: August – Oktober
Gelegegröße: 4 – 18 Jungtiere
Anzahl der Gelege: 1 Gelege pro Jahr
Brutpflege: Die Mutter zeigt keinerlei Schutz- oder Fütterungsverhalten mehr nach der Geburt
Selbstständig: Ab der ersten Minute vollkommen selbstständig und giftig
Geschlechtsreife: 3 – 5 Jahre
Jungensterblichkeit: Sehr hoch, über 70% – 80% erreichen das Erwachsenenalter nicht
Sonstiges: …
Natürliche Feinde: Dachse, Füchse, Graureiher, Greifvögel, Hermeline, Igel, Iltise, Katzen, Kraniche, Rabenvögel, Ringelnattern, Uhus, Weißstörche, Wiesel, Wildschweine, Würfelnattern
Abwehrverhalten: Sobald die Schlange Bodenerschütterungen wahrnimmt, flieht sie lautlos ins Unterholz oder in Felsspalten. Wird sie überrascht oder ist eine Flucht nicht schnell genug möglich, verharrt sie völlig regungslos. Dank ihres markanten Zickzackmusters ist sie am Waldboden oder im Moor hervorragend getarnt. Fühlt sich das Tier in die Enge getrieben, rollt es sich in eine typische S-Form zusammen, hebt den Vorderkörper an und warnt den Angreifer durch lautes Zischen. Bleibt die Bedrohung bestehen, führt die Kreuzotter oft schnelle Stöße in Richtung des Angreifers aus, ohne dabei das Maul zu öffnen oder zuzubeißen. Erst bei direktem Kontakt, heftiger Bedrohung oder wenn man auf sie tritt, beißt die Kreuzotter zu. Da die Produktion von Gift für die Schlange energetisch sehr kostspielig ist, dosiert sie die Menge präzise. Häufig handelt es sich um sogenannte „Trockenbisse“ ohne Giftabgabe
Krankheiten: Amöben, Band- und Lungenwürmer, Ferlaviren (PMV), Kryptosporidien, Reptilienmilben (wie Ophionyssus), Pseudomonas, Salmonellen, Snake Fungal Disease (Schlangenpilzkrankheit durch den Pilz Ophidiomyces ophiodiicola), Zecken
Schutzstatus:
– Bundesnaturschutzgesetz – Besonders geschützt
– Roten Liste – Stark gefährdet
Es ist streng verboten, Kreuzotter zu töten, zu fangen, zu stören, ihrer Lebensräume zu zerstören. Es drohen bei Verstoß bis zu 50.000 € Strafe oder bis zu 5 Jahre Freiheitsstrafe!
Im Bundesjagdgesetz (BJagdG): Nein
Funktion im Ökosystem: Als Raubtier steht die Kreuzotter weit oben in der Nahrungskette kleinerer Biotope. Sie reguliert durch die Jagd auf Nagetiere deren Bestand und verhindert so übermäßige Fraßschäden an jungen Pflanzen und Samen, was indirekt die Pflanzenvielfalt und Bodengesundheit schützt. Indem Kreuzottern die Populationen von Mäusen und Ratten stabil halten, tragen sie in intakten Ökosystemen dazu bei, die Ausbreitung von Zoonosen (von Tieren auf Menschen übertragbare Krankheiten) einzudämmen. Dazu gehören beispielsweise Erreger wie das Hantavirus oder das Borna-Virus. Die Kreuzotter ist selbst eine essenzielle Nahrungsquelle für größere Raubtiere. Kreuzottern stellen sehr spezifische Ansprüche an ihre Umgebung, da sie strukturreiche Mosaike aus feuchten und trockenen Zonen, lichten Waldrändern, Heiden oder Mooren mit ausreichend Sonnen- und Versteckplätzen benötigen. Wo Kreuzottern leben, ist die biologische Vielfalt der Region meist insgesamt sehr hoch. Gehen die Bestände der Kreuzotter zurück, signalisiert dies eine Störung des gesamten Ökosystems – oft verursacht durch Lebensraumverlust, Entwässerung von Mooren oder den Klimawandel
Kreuzottern brauchen Hilfe, wenn …
– sie verletzt sind
– sie in einem Schacht gefangen sind
– sie in einem Netz verheddert sind
Wie helfe ich richtig?
– Unter keinen Umständen, die Schlange selbst befreien oder transportieren. Schlangenbisse passieren fast ausschließlich, wenn Menschen den Tieren zu nahe kommen oder nach ihnen greifen
– Situation dokumentieren (durch ein Foto aus sicherer Entfernung) und Experten kontaktieren. Die richtigen Ansprechpartner sind die Feuerwehr – viele Wachen haben spezielle Ausrüstung für Tierrettungen, lokale Tierschutzvereine, Wildtierauffangstationen für Reptilien oder Naturschutzverbände wie der NABU
– Ausreichend Abstand zum Tier halten, und dieses im Auge behalten. Auf die Rettungskräfte warten, damit diese die Schlange schnell finden
Richtiges Verhalten bei der Sichtung –
– Mindestens 1m – 2m Abstand halten. Die Reichweite für einen Biss ist gering und beträgt meist nur einen Bruchteil der Körperlänge
– Keine schnellen oder wilden Bewegungen machen. Die AOK und der NABU Niedersachsen betonen, dass die Tiere extrem scheu sind und die Flucht ergreifen, wenn man sie nicht bedroht
– Niemals nach einem Tier greifen. Kreuzottern stehen unter Naturschutz und beißen nur zur Verteidigung, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen
– In bekannten Habitaten (wie Mooren, Waldrändern oder Heidegebieten) beim Wandern feste, hohe Schuhe und lange Hosen.
– Den Weg vor sich bei hohem Gras oder Gestrüpp leicht mit einem Stock abklopfen. Kreuzottern sind taub, spüren aber Bodenerschütterungen und weichen rechtzeitig aus
Was tun im Falle eines Bisses?
– Ruhe bewahren, Panik beschleunigt den Puls und damit die Ausbreitung des Giftes im Körper
– Wunde nicht manipulieren, Wunde nicht einschneiden, ausbrennen oder das Gift absaugen
– Arzt aufsuchen, ein Biss ist immer ein medizinischer Notfall
– Betroffenes Körperteil ruhigstellen, möglichst tief lagern und den Notruf wählen oder sich umgehend in ein Krankenhaus begeben
Was kann ich tun um Konflikte zu vermeiden?
– In typischen Lebensräumen (Moore, Heiden, Waldränder, steiniges Gelände) vorzugsweise auf den markierten Wanderwegen bleiben
– Hunde an der Leine und auf dem Pfad führen
– Hohe Wanderschuhe und lange Hosen bieten einen guten mechanischen Schutz, falls man doch einmal versehentlich zu nah an eine Schlange gerät
– Kreuzottern sind zwar taub, reagieren aber empfindlich auf Bodenvibrationen. In unübersichtliches Gelände daher immer fest auftreten
– Genau hinschauen, bevor man ins Gebüsch greift (z. B. beim Pilze- oder Beerensammeln) oder sich auf Steine und Baumstämme setzt. Ein vorheriges Rascheln mit einem Stock im Gebüsch warnt die Tiere rechtzeitig
Was kann ich tun um die Kreuzottern zu unterstützen?
– Steinhäufen, Totholz, Steine oder Lesesteine an sonnigen, ruhigen Plätzen aufschichten
– Ein kleiner Gartenteich fördert Amphibien wie Frösche, die eine Hauptnahrung der Kreuzotter sind
– Wilde Ecken mit hohen Gräsern, Hecken oder alten Baumwurzeln stehen lassen
– Sichtungen an lokale Naturschutzverbände oder das NABU Naturgucker melden, um Kartierungen zu unterstützen
– In manchen Regionen helfen Naturschutzgruppen bei der Pflege von Mooren, Heiden oder der Anlage von Kleinstrukturen
