Einheimische – Art
Reptil des Jahres 2009
Klasse: Reptilien
Ordnung: Schuppenkriechtiere
Familie: Nattern
Art: Würfelnatter
Geschichte: Die Würfelnatter blickt auf eine Jahrmillionen alte Entwicklungsgeschichte zurück. Ihre Herkunft ist tief in der Evolution der eurasischen Wasserschlangen verwurzelt. Genetische Untersuchungen der Gattung Natrix zeigen, dass sich die Vorfahren der Würfelnatter und ihrer Schwesterart, der Ringelnattern, vor etwa 13 bis 22 Millionen Jahren (im frühen Miozän) von einem gemeinsamen Vorfahren trennten. Ursprünglich stammt die Art vermutlich aus den weiten, offenen Steppenregionen Zentralasiens. Von dort aus breitete sie sich über drei Kontinente (Europa, Asien und Teile Nordafrikas) aus. Die ältesten eindeutigen Fossilbelege der heutigen Art Natrix tessellata stammen aus dem Miozän/Pliozän und sind mehrere Millionen Jahre alt. Nach der letzten Eiszeit gab es eine ausgeprägte Warmphase (das Atlantikum), in der die Jahrestemperaturen um 1°C – 2°C höher lagen als heute. In dieser Zeit besiedelte die wärmeliebende Würfelnatter weite Teile Mitteleuropas flächendeckend. Als sich das Klima vor rund 5.000 Jahren wieder abkühlte, zog sich die Art großflächig nach Südeuropa und Asien zurück. Nur an ganz wenigen, extrem wärmebegünstigten Flusstal-Inseln überlebten isolierte Restbestände. Die heutigen Vorkommen in Deutschland an den Flüssen Mosel, Lahn und Nahe sind exakt solche jahrtausendealten Reliktpopulationen aus dieser Warmzeit. Das Epitheton tessellata stammt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt „gewürfelt“ oder „mit Vierecken versehen“. Es beschreibt die charakteristische, schachbrettartige Fleckenzeichnung auf dem Rücken der Schlange, die ihr auch im Deutschen ihren Namen gab. Wissenschaftlich beschrieben wurde die Schlange erstmals im Jahr 1768 durch den österreichischen Arzt und Naturforscher Josephus Nicolaus Laurenti unter dem Namen Coronella tessellata
Mythologie: …
Buchtipps:
– …
Beschreibung: Graue, braune oder olivgrüne Grundfarbe. Auf dem Rücken namensgebende dunkle „Würfel“-Zeichnung aus quadratischen Flecken. Anders als die Ringelnatter besitzt sie keinen hellen Nackenfleck.Der Kopf ist schmal, spitz zulaufend und setzt sich kaum vom Hals ab. Die Augen (oft rötlich bis orange) und Nasenlöcher liegen weit oben am Kopf, damit die Schlange beim Schwimmen leicht aus dem Wasser blicken kann
Gesamtlänge : Bis zu 150cm
Gewicht: Ca. 400g
Herzfrequenz: In Aktivitätsphasen; 30 – 50 Schläge pro Minute, in der Winterstarre; 3 – 5 Schläge pro Minute
Körpertemperatur: In Aktivitätsphasen; 28°C, in der Winterstarre; 1°C – 7°C
Sinnesleistung:
Sehvermögen: Augen und Nasenlöcher sitzen weit oben am schmalen Kopf. Dadurch kann die Schlange beim Schwimmen oder lauernd an der Wasseroberfläche den Kopf kaum aus dem Wasser strecken und hat ihre Umgebung sowie potenzielle Beute im Blick. Sie hat typisch für ungiftige europäische Nattern, runde Pupillen.
Gehör: Die Würfelnatter besitzt ein voll entwickeltes Innenohr mit einer Hörschnecke (Cochlea). Da das äußere Ohr fehlt, fängt ihr Unterkiefer Vibrationen aus der Umwelt auf. Diese Schwingungen werden über den Quadratknochen und das Gehörknöchelchen (Columella) direkt an das Innenohr geleitet
Geruchsinn: Durch das Züngeln fängt die Schlange Duftmoleküle aus der Luft oder dem Wasser auf. Beim Einziehen der gespaltenen Zunge werden die Partikel in die beiden Taschen des Organs geführt. Weil die Zungenspitzen getrennt voneinander Duftstoffe aufnehmen, kann die Würfelnatter die Richtung einer Geruchsquelle exakt bestimmen
Geschmacksinn: Die Würfelnatter nimmt beim Züngeln winzige, in der Luft oder im Wasser gelöste Duft- und Geschmackspartikel (chemische Moleküle) auf die Spitzen ihrer gespaltenen Zunge auf
Sonstiges: Jakobsonsches Organ
Lautäußerung: Zischen (Angreifer abschrecken)
Lebenserwartung: Bis zu 20 Jahre
Lebensraum: Extrem eng an Gewässer gebundene, warme und sonnenexponierte Fließ- oder Standgewässer mit strukturreichen Ufern
Nest: Ein echtes „Schlangennest“ im Sinne eines gebauten Vogelestes gibt es bei der Würfelnatter nicht. Schlangen bauen keine Nester, sondern nutzen geschützte Plätze mit idealen Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen zur Eiablage
Lebensweise: Einzelgänger, tagaktiv. Wärmeliebende Art braucht sonnige Plätze wie Felsen, Trockenmauern oder Dämme, um sich aufzuwärmen. Von Oktober/November bis März/April halten die wechselwarmen Tiere eine lange Winterstarre in geschützten Erd- oder Felsspalten
Fortbewegung: Typische Gleitbewegung. Beim schwimmen legt sie die Gliedmaßen (evolutionär bedingt nicht vorhanden) eng an und erzeugt durch horizontale Wellenbewegungen des Körpers und des Schwanzes einen starken Vortrieb. Sie kann dabei problemlos längere Zeit unter Wasser tauchen, oft bis zu mehreren Minuten, um Fische zu jagen
Nahrung: Amphibien, kleine bis mittelgroße Fische wie Barsche, Gründlinge oder Karpfen
Sonstiges: …
Kot: Wie bei fast allen Reptilien besteht der Haufen aus zwei klar trennbaren Teilen. Der Kot-Anteil ist meist dunkelbraun bis fast schwarz, von eher weicher bis breiiger Konsistenz und oft länglich oder ungeformt. Der Urin-Anteil (Urate) ist extrem konzentrieren, als feste, weiße bis cremefarbene, kalkige Masse aus Harnsäurekristallen. Da sich Würfelnattern fast ausschließlich von Fischen ernähren, kann man im Kot bei genauerem Hinsehen oft unverdaute Fischschuppen oder feine Gräten entdecken. Durch die Fischdiät und den feuchten Lebensraum ist der Kot oft wässriger oder schleimiger als der von reinen Landschlangen
Fortpflanzung: Nach dem Schlupf Nestflüchter, werden meist in feuchte, warme und lose Substrate wie Sand, Humus, morsches Holz oder Treibgut geboren. Wegen fehlender Naturufer nutzen sie oft auch künstliche Haufen wie Sägemehl oder Pferdemist
Paarungszeit: Mai – Juni
Balzverhalten: Weibchen sondern Pheromone ab, die Männchen aus mehreren Hundert Metern Entfernung anlocken. Häufig versuchen sich mehrere Männchen gleichzeitig mit einem Weibchen zu verpaaren, wodurch sogenannte „Paarungsknäuel“ entstehen
Brutdauer: Ca. 4 Wochen tragen die Weibchen die Eier in sich, dann legt das Weibchen die Eier an geschützten, warmen Orten ab
Schlupfzeit: August – September
Gelegegröße: 5 – 25 Eier
Anzahl der Gelege: 1 pro Jahr
Brutpflege: Überlässt die Eier nach der Eiablage sich selbst und kümmert sich nicht um den Nachwuchs
Selbstständig: Von der ersten Sekunde an nach dem Schlupf
Geschlechtsreife: 3 – 4 Jahre
Jungensterblichkeit: Sehr hoch, über 70% – 80% erreichen das Erwachsenenalter nicht
Sonstiges: …
Natürliche Feinde: Bisamratten, Eisvögel, Graureiher und andere Reiherarten, große Raubfische wie Hechte und Welse, Hermeline, Hunde, Katzen, Marder, Mauswiesel, Lachmöwen, Rabenvögel, Schwarzstorch, Stockenten, Wanderratten, Waschbär
Abwehrverhalten: Flucht ins Wasse, aufblähen und Zischen, Scheinbisse, Chemische Abwehr (Stinkdrüsen), Totstellen (Thanatose) dabei dreht sie sich auf den Rücken, wird völlig schlaff und lässt sich wie eine leblose Schnur verbiegen. Sie öffnet das Maul weit und lässt ihre Zunge schlaff herabhängen. (Autohemorrhagie) – neuere Studien zeigen, dass manche Würfelnattern unter extremem Stress sogar absichtlich Blut aus dem Maul austreten lassen (Reflexbluten)
Krankheiten: Atemwegserkrankungen (Lungenentzündung / Pneumonie), Bandwürmer (Cestoden), Blutmilben, Haut- und Blasenkrämpfe (Dermatitis), Maulfäule (Ulzerative Stomatitis), Ophidiomykose (Schlangenpilzkrankheit), Saugwürmer (Trematoden)
Schutzstatus:
– Bundesnaturschutzgesetz – Streng geschützt
– FFH Richtlinie IV
Es ist verboten, Würfelnattern zu verletzen, zu töten oder zu stören. Auch die Beschädigung oder Zerstörung ihrer Fortpflanzungs- und Ruhestätten (sowie ihrer Lebensräume) ist streng verboten. Es drohen bei Verstoß bis zu 65.000 € Strafe oder bis zu 3 Jahre Freiheitsstrafe!
Im Bundesjagdgesetz (BJagdG): Nein
Funktion im Ökosystem: Die Würfelnatter ist eine extrem spezialisierte Jägerin, die fast ausschließlich unter Wasser jagt. Sie ernährt sich primär von kleinen bis mittelgroßen Fischen (z. B. Grundeln, Gründlingen, Karpfenfischen oder Barben). Selten stehen Amphibien auf ihrem Speiseplan. Sie reguliert die Bestände von bodennah lebenden Kleinfischen. Da sie kranke oder langsame Tiere leichter erbeutet, trägt sie zur Gesunderhaltung der Fischbestände bei. Selbst ungiftig und für den Menschen harmlos, steht die Würfelnatter im Fokus vieler größerer Raubtiere. Sie transportiert Energie und Nährstoffe aus dem Wasser an Land, wenn sie gefressen wird von. Insbesondere Reiher (wie der Graureiher) und Greifvögel jagen sie an den Ufern.Bisamratten, Hermeline, Mauswiesel und Ratten nutzen sie vor allem an Land oder in ihren Verstecken als Proteinquelle. Große Fische (z. B. Hechte) erbeuten gelegentlich junge oder kleinere Würfelnattern im Wasser. Die Würfelnatter hat extrem hohe Ansprüche an ihre Umwelt. Das macht sie zu einem sensiblen Bioindikator. Ein stabiles Vorkommen zeigt an, dass ein Gewässer fischreich, sauber und naturbelassen ist. Sie benötigt unverbautes Ufer mit Kiesbänken, Totholz, Brombeergestrüpp und sonnigen Plätzen sowie frostfreie Spalten im Hinterland für den Winter. Verschwindet die Würfelnatter (wie an vielen begradigten deutschen Flüssen geschehen), zeigt dies die Zerstörung des gesamten lokalen Ökosystems an
Würfelnattern brauchen Hilfe, wenn …
– sie Wunden haben (z. B. durch Rasenmäher, Katzenbisse oder Angelhaken)
– sie sich auf einer Straße, einer viel befahrenen Radspur oder in einer Baustelle befinden und Gefahr läuft, überfahren oder zertreten zu werden
– sie in Lichtschächte, Poolanlagen, engmaschige Netze (z. B. im Garten) oder unüberwindbare Wassertanks geraten sind, aus denen sie sich nicht selbst befreien können
– sie an frostigen Tagen im Spätherbst oder Winter ungeschützt an der Oberfläche liegen
Wie helfe ich richtig?
– Handschuhe anziehen (Eigenschutz)
– Schlange vorsichtig in einen stabilen Karton mit kleinen Luftlöchern ablegen. Karton mit einem unparfümierten Küchentuch oder Handtuch auspolstern
– Karton gut schließen
– Dunkel und in moderate Wärme (Zimmertemperatur) abstellen, Box niemals in die pralle Sonne stellen
– Eigenständig kein Futter oder Medikamente eingeben
– Da die Würfelnatter streng geschützt ist, darf das Tier nicht dauerhaft behalten oder selbst behandelt werden. Umgehend Fachleute kontaktieren (regionalen Stationen, herpetologische Fachärzte)
– Ist keine Station erreichbar oder das Tier in einem tiefen Schacht gefangen, die örtliche Feuerwehr oder die Polizei anrufen. Diese werden teils speziell geschult für Einsätze mit Schlangen
– Nach der Abgabe an fachkundige Stelle, Hände gut waschen und desinfizieren (Eigenschutz)
Was kann ich tun um Konflikte zu vermeiden?
– Abstand halten, nicht bedrängen. Dem Tier einen freien Fluchtweg ins Wasser ermöglichen
– Fühlt sich die Schlange in die Enge getrieben, zischt sie womöglich, sondert ein übelriechendes Postanalsekret ab oder stellt sich tot (Akinese). Tier in diesem Fall einfach ganz in Ruhe lassen, es erholt sich von selbs
– In Ufernähe (< 200 m) grundsätzlich Balkenmäher statt schneller Kreisel- oder Schlägelmäher verwenden, um den Tieren Zeit zur Flucht zu geben. Schnitthöhe von mindestens 15cm einhalten
– Gewässernahe Wiesen nicht an Tagen mit wechselnder Bewölkung mähen, da sich die wechselwarmen Tiere dann besonders intensiv am Boden sonnen. Eine angepasste Beweidung ist der Mahd vorzuziehen
– Radwege und Straßen direkt an Flussufern führen oft zu tödlichen Überfahrungen. Der Einsatz von Reptiliensperranlagen (Stahlbleche, mind. 40cm hoch) an Straßenböschungen schützt Wanderkorridore
– Würfelnattern legen ihre Eier gern in lockeren, sonnigen Substraten wie Kompost, Humus, Treibholz oder Trockenmauern ab. Solche Strukturen sollten im Umfeld von Gewässern zwischen Sommer und Herbst nicht unvorsichtig umgegraben oder abgetragen werden
Was kann ich tun um die Würfelnatter zu unterstützen?
– Engagement bei lokalen NABU- oder BUND-Gruppen in den Vorkommensgebieten
– Unterstützung von wissenschaftlichen Verbänden wie der AG Feldherpetologie und Artenschutz
– Ehrenamtliche Mitarbeit oder Patenschaften bei behördlich begleiteten Zucht- und Auswilderungsprojekten (wie z. B. im Zoo Neuwied an der Lahn)
– Lebensräume entkassettieren
– Uferbereiche entbuschen
– Eiablage- und Winterquartiere anlegen
– Sichtungen lebender oder toter Tiere sollten unmittelbar an die lokalen Naturschutzbehörden gemeldet werden. Diese Daten fließen direkt in behördliche Schutzkonzepte ein
