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Graues Langohr – Plecotus austriacus

Einheimische Art

Klasse: Säugetiere
Ordnung: Fledertiere
Familie: Glattnasen
Art: Graues Langohr

Geschichte: Die Entstehungsgeschichte des Grauen Langohrs (Plecotus austriacus) ist ein faszinierendes Beispiel für evolutionäre Aufspaltung und die enge Bindung einer Tierart an den Menschen. Molekularbiologische Analysen zeigen, dass sich die Gattung der Langohrfledermäuse (Plecotus) in Europa vor mindestens 5 Millionen Jahren (während des späten Miozäns) in zwei große Hauptlinien aufspaltete: Die „auritus-Gruppe“ (zu der das Braune Langohr gehört) und die „austriacus-Gruppe“. Das Graue Langohr hat seine evolutionären Wurzeln in den wärmeren Regionen des Mittelmeerraums und Nordafrikas. Während die Schwesterart, das Braune Langohr, ein klassischer Waldbewohner kühlerer Breiten ist, passte sich das Graue Langohr an offene, warme Landschaften an. Wissenschaftlich wurde die Art 1829 von Johann Baptist Fischer als Vespertilio austriacus erfasst. Jahrhundertelang hielten Naturforscher das Graue Langohr lediglich für eine Farbvariante des weit verbreiteten Braunen Langohrs. Erst im Jahr 1960 wies der Biologe Kurt Bauer durch genaue anatomische Vergleiche (wie Daumenlänge und Schädelmerkmale) nach, dass es sich um eine völlig eigenständige Art handelt. Mit dem Ende der letzten Eiszeit breitete sich die wärmeliebende Art von Südeuropa weiter nach Mitteleuropa aus. Ursprünglich nutzte das Graue Langohr Felsspalten und warme Höhlen als Quartier. Als die Menschen in Europa sesshaft wurden, Wälder rodeten und Siedlungen bauten, fand die Fledermaus in den riesigen, warmen Dachstühlen von Kirchen und Bauernhöfen idealen Ersatz. Durch diese geschichtliche Entwicklung wurde das Graue Langohr zum klassischen Kulturfolger. Sie jagt heute fast ausschließlich in der bäuerlichen Kulturlandschaft über Wiesen, Gärten und um Straßenlaternen

Mythologie: …

Buchtipps:
– Fledermaus ganz nah von Ingrid Kaipf
– Fledermäuse beobachten, bestimmen und schützen von Kurt Richarz

Beschreibung: Langes Fell. Oberseite grau. Unterseite grauweiß. Extrem große, 4cm – 6cm lange Ohren. Schnauze lang und spitz. Ähnelt dem braunen Langohr
Körpergröße: 4,1cm – 6cm
Flügelspannweite: 25,5cm – 30cm
Unterarmlänge: 3,5cm – 4,5cm
Gewicht: 5g – 14g
Herzfrequenz: In Aktivitätsphasen; ca. 900 Schläge pro Minute, im Winterschlaf; 6 – 10 Schläge pro Minute
Körpertemperatur: In Aktivitätsphasen; 35°C – 38°C, im Winterschlaf; 2°C – 5°C

Sinnesleistung:
Sehvermögen: Gut entwickelte Augen, nutzt das Sehvermögen jedoch vor allem bei Dämmerung und zur Orientierung über größere Distanzen
Gehör: Nimmt die Bewegungsgeräusche von Nachtfaltern oder Spinnen auf Blättern wahr
Geruchsinn: Gut entwickelt. Er dient vor allem der Erkennung von Artgenossen, dem Finden von Quartieren sowie der Überprüfung von Beutefressplätzen
Geschmackssinn: Ernährt sich fast ausschließlich von Insekten, vor allem von Nachtfaltern. Der Geschmackssinn (zusammen mit dem Geruchssinn) hilft der Fledermaus im Moment des Verzehrs zu erkennen, ob ein Beutetier ungenießbar oder durch Toxine geschützt ist
Sonstiges: …
Frequenz/Rufe: 22kHz – 32kHz „…“, Ruflänge 2ms – 6ms

Lebenserwartung: Bis zu 15 Jahre
Lebensraum: Lichte Wälder, Parkanlagen, Wiesen mit Hecken, Dörfer, Kulturlandschaften
Sommerquartiere: Dachräume
Winterquartiere: Höhlen, Keller, Felsspalten
Lebensweise: Wärmeliebend

Fortbewegung: …
Jagdverhalten: Fliegt erst nach der Abenddämmerung aus. Gejagt auf im langsamem Flug. Kann Beute von Blättern und Wänden absammeln. Flügel und Schwanzflughaut dienen als Kescher. Durchschnittliche Flugstrecke ins Jagdgebiet ca. 4km vom Quartier entfernt
Nahrung: Blatthornkäfer, Nachtfalter, Zweiflügler
Kot: Trocken, länglich, etwa 2,5mm – 3mm dick. Hinterlässt kleine, dunkle bis schwarze Häufchen oder Krümel unter dem Quartier. Die Kotkrümel sind länger als Mäusekot und haben einen Durchmesser von unter 3mm. Fledermauskot ist trocken und bröselig, da er nur aus unverdaulichen Insektenresten (wie Chitinpanzern) besteht. Zerreibt man ihn zwischen den Fingern, zerfällt er leicht in feine Bestandteile. Er sammelt sich direkt unter den Hangplätzen oder Einfluglöchern, meist in Dachstühlen oder an alten Gebäuden

Fortpflanzung: Nesthocker, werden meist in sogenannten Wochenstuben geboren. Diese Wochenstuben befinden sich typischerweise in warmen, geräumigen Dachböden oder Kirchtürmen. Die Wochenstubengröße beträgt meist 10 – 30 Weibchen
Paarungszeit: August- September, dann 4 – 5 Monate Keimruhe
Balzverhalten: …
Tragzeit: 40 – 70 Tage
Wurfzeit: Mitte Juni – Ende Juni
Wurfgröße: 1 – 2 Jungtiere
Anzahl der Würfe: 1 Wurf pro Jahr
Säugezeit: 4 – 6 Wochen
Selbstständig: 4 – 6 Wochen
Geschlechtsreife: Ca. 2 Jahre
Jungensterblichkeit: …

Natürliche Feinde: Eulen, Greifvögel, Marder, Katzen
Abwehrverhalten: Sie fliegen sehr wendig, rütteln in der Luft oder flüchten blitzschnell in enge Mauerspalten. Bei Gefahr oder Störung fauchen die Tiere hörbar, öffnen drohend das Maul und setzen ihre Zähne zur Verteidigung ein. Bedrohte graue Langohren lassen sich oft sofort vom Hangplatz fallen, um im freien Fall Höhe und Tempo für den Abflug zu gewinnen
Krankheiten: Fledermausfliegen, Fledermausmilben, Fledermaustollwut (Lyssaviren), Flöhe, White-Nose-Syndrom (Pseudogymnoascus destructans)

Schutzstatus:
– Bundesnaturschutzgesetz
– FFH Richtlinie – Anhang IV
Es ist verboten, graue Langohren zu töten, zu verletzen, zu fangen oder zu stören sowie das Beschädigen oder Zerstören von Fortpflanzungs- und Ruhestätten. Es drohen bei Verstoß eine Geldstrafe von bis zu 50.000€ oder eine Freiheitsstrafe!
Im Bundesjagdgesetz (BJagdG): Nein

Funktion im Ökosystem: Vertilgt massenhaft Nachtfalter, deren Raupen land- und fortwirtschaftliche Kulturen schädigen können. Nutzt den Rüttelflug, um Insekten direkt von Blättern und Hauswänden zu pflücken. Dient selbst als seltenes Bindeglied und Beutetier in strukturreichen ländlichen Siedlungsräumen. Sein Vorkommen belegt eine intakte Umwelt. Verbindet als Gebäudehocker menschliche Siedlungsbereiche mit angrenzenden Agrar- und Gartenbiotopen

Graue Langohren brauchen Hilfe, wenn …
– sie tagsüber frei auf dem Rasen oder Asphalt liegen
– sie bluten, offensichtliche Brüche oder eine zerrissene Flughaut haben
– nackte oder kleine Junge allein am Boden liegen (oft aus dem Dachboden-Quartier gefallen)
– sie bei starkem Frost oder Schnee im Winter (gestörtes Winterquartier) gefunden werden
– sie sich in Zimmer verirrt haben und entkräftet sind

Wie helfe ich richtig?
– Nicht mit bloßen Händen anfassen. Fledermäuse können beißen, wenn sie Angst haben. Immer dicke Handschuhe (Gartenhandschuhe) oder ein Tuch benutzen
– Das Tier vorsichtig mit dem Tuch greifen.
– Sehr kleine Luftlöcher in den Karton stechen
– Fledermaus hinein setzen
– Ein Stück Stoff (z.B. ein altes T-Shirt) oder ein Tuch hinein, in das sich das Tier zurückziehen kann
– Wenn das Tier sehr schwach oder kalt wirkt, kann man eine Wärmflasche (körperwarm) eingewickelt in eine Socke neben das Tier in den Karton legen
– Karton an einen kühlen, dunklen und ruhigen Ort stellen
– Experten kontaktieren Fledermäuse sind Wildtiere und brauchen fachkundige Hilfe, besonders wenn sie verletzt sind oder es sich um ein Jungtier handelt
– Fledermauspflegestelle oder Wildtierstationkontaktieren
– Keine Nahrung geben, Fledermäuse sind Spezialisten. Falsches Futter (wie Milch) führt zum Tod
– Eine verletzte oder am Tag gefundene Fledermaus nicht einfach wieder fliegen lassen, sie wird wahrscheinlich nicht überleben
– Nicht in die pralle Sonne stellen

Was kann ich tun um Konflikte zu vermeiden?
– Dach- oder Fassadenarbeiten nur im September oder Oktober beginnen, wenn der Winterschlaf noch nicht begonnen und die Jungenaufzucht beendet ist
– Keine Verwndung von schädlichen Holzschutzmittel oder Biozide, wenn Fledermäuse den Dachstuhl nutzen
– Öffnungen am Dachgebälk oder Kirchturm offen halten, anstatt sie bei Renovierungen komplett zu versiegeln
– Direkte Flutlicht- oder Dauerbeleuchtungen an Quartieren und Fassaden vermeiden, um Lichtverschmutzung zu minimieren

Was kann ich tun um die das graue Langohr zu unterstützen?

– Eeimische, nachtblühende Stauden auswählen, die Nachtfalter und andere Insekten als Hauptnahrungsquelle anlocken
– Im Garten komplett auf chemische Spritzmittel und Kunstdünger verzichten
– Wilde Ecken, Hecken und alte Obstbäume stehen lassen und Schottergärten vermeiden
– Beleuchtung im Außenbereich (Lichtverschmutzung) reduzieren, um jagende Fledermäuse nicht zu stören
– Fledermäuse an Dachböden, Scheunen oder Kirchtürmen dulden und Zugänge sichern
– Bei Dachsanierungen in alten Gebäuden rechtzeitig mit dem lokalen Fledermausschutz oder Naturschutzverbänden absprechen
– .Keine ungesicherten Leimringe an Bäumen oder enge Netze verwenden, in denen sich Tiere verfangen können





Über den Experten: caroline.schoch

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