Einheimische Art
Klasse: Säugetiere
Ordnung: Fledertiere
Familie: Rhinolophidae
Art: Große Hufeisennase
Geschichte: Die Große Hufeisennase hat eine faszinierende Evolutionsgeschichte und eine tief in der Erdgeschichte verwurzelte Herkunft. Die Vorfahren aller heutigen Hufeisennasen spalteten sich vor etwa 34 bis 40 Millionen Jahren (im Eozän/Oligozän) von anderen Fledermauslinien ab. Geografisch vermuten Forscher den Ursprung der Familie im orientalischen Raum (Asien), von wo aus sie sich über Europa bis nach Afrika ausbreitete. Als eigenständige Art entwickelte sich die Große Hufeisennase im Pleistozän (der Epoche der Eiszeiten). Genetische Untersuchungen zeigen, dass die heutigen Populationen maßgeblich durch die Eiszeitzyklen geprägt wurden. Während der kalten Glazialphasen überlebte die Art in isolierten Rückzugsgebieten (Refugien) – zum Beispiel im Mittelmeerraum (Iberische, Italische und Balkan-Halbinsel) sowie in Teilen Asiens (wie Nordostchina). Die Art wurde im Jahr 1774 offiziell von dem deutschen Naturforscher Johann Christian von Schreber beschrieben. Der Name leitet sich direkt von dem markanten Hautaufsatz auf der Nase ab, der optisch an ein Hufeisen erinnert. Der wissenschaftliche Name ferrumequinum setzt sich aus den lateinischen Wörtern ferrum (Eisen) und equus (Pferd) zusammen. Dieses „Hufeisen“ ist kein biologischer Zufall, sondern ein hochkomplexes evolutionäres Werkzeug. Es dient der Bündelung und gezielten Ausrichtung der Ultraschalllaute, die diese Tiere (anders als die meisten Fledermäuse) direkt durch die Nase statt durch den Mund ausstoßen. Nach dem Ende der letzten Eiszeit breitete sich die wärmeliebende Art weit über die Südpaläarktis aus – von Portugal und Südengland über Mitteleuropa bis nach Japan. Jahrhundertelang profitierte sie in Europa von der traditionellen Weidewirtschaft, die für reichlich Nahrung (wie Mistkäfer und Nachtfalter) sorgte. In den 1950er- und 1960er-Jahren erlitt die Große Hufeisennase in ganz Mitteleuropa einen katastrophalen Zusammenbruch. Gründe waren die intensive industrielle Landwirtschaft, der massive Einsatz von Insektiziden (wie DDT) und der Verlust von Quartieren in Dachstühlen und Höhlen. Die Art verschwand fast vollständig aus Deutschland. Heute gilt die Große Hufeisennase in Deutschland als vom Aussterben bedroht. Es gibt hierzulande nur noch eine einzige reproduzierende Kolonie im oberpfälzischen Hohenburg (Bayern), die durch strenge Schutzmaßnahmen des Landesbundes für Vogel- und Naturschutz (LBV) von einst wenigen Tieren wieder auf mehrere Hundert Individuen angewachsen ist
Mythologie: …
Buchtipps:
– Fledermaus ganz nah von Ingrid Kaipf
– Fledermäuse beobachten, bestimmen und schützen von Kurt Richarz
Beschreibung: Lockeres, weiches Fell. Oberseite graubraun, rötlich. Unterseite hellgrau. Jungtiere aschgrau. Nase Hufeisenförmig. Breite Ohren
Körpergröße: 5,4cm – 7,1cm
Flügelspannweite: 34cm – 40cm
Unterarmlänge: 5,1cm – 6,2cm
Gewicht: 13g – 44g
Herzfrequenz: In Aktivitätsphasen; 1.000 Schläge pro Minute, im Winterschlaf; 10 – 20 Schläge pro Minute
Körpertemperatur: In Aktivitätsphasen; 38°C – 40°C, im Winterschlaf; 0°C – 10°C
Sinnesleistung:
Sehvermögen: Die Augen helfen vermutlich bei Dämmerung und beim Orientieren über größere Distanzen, wo Ultraschall an Grenzen stößt
Gehör: Besitzt eines der feinsten und raffiniertesten Gehöre im Tierreich. Ihre extrem beweglichen Ohrmuscheln können sich in Sekundenbruchteilen verformen und drehen, um Echos und Geräusche von Beuteinsekten präzise zu orten
Geruchsinn: Hilft beim Aufspüren von Verstecken und dem Erkennen von Artgenossen. Unterstützt das Finden von Insekten am Boden, während die Jagd in der Luft primär über das Ultraschallsystem läuft. Dient dem Erkennen von Jungtieren und Partnern über artspezifische Duftnoten
Geschmackssinn: Hilft beim Erkennen von frisch gefangener Beute (hauptsächlich Großinsekten wie Käfer und Nachtfalter)
Sonstiges: Der hufeisenförmige Nasenaufsatz und ein spitzer Hautlappen (Lanzette) wirken wie ein Megaphon oder eine Antenne, die den Schall stark bündeln
Frequenz/Rufe: 77kHz – 86kHz „…“, Ruflänge 35ms – 75ms
Lebenserwartung: Bis zu 31 Jahre
Lebensraum: Strukturreiche Landschaft, locker Wälder, Strauchgebiete, Karstgebiete, Laubwald, Weiden, Hecken, Baumreihen und Obstwiesen in einer Höhe von bis zu 1.550m
Sommerquartiere: Warme DachräumeHöhlen, Bergwerke, Keller
Winterquartiere: Bergwerke, Höhlen
Lebensweise: Wärmeliebende Art
Fortbewegung: Kann sich auf dem flachen Boden oder durch enge Spalten kaum fortbewegen; läuft nicht auf allen vieren wie andere Fledermäuse. Bewegt sich kopfüber hängend an Decken oder Dachbalken fort. Lässt sich aus dem Hang direkt fallen, um den Flug zu beginnen, und greift beim Landen mit den Füßen nach oben an die Decke
Jagd: Fliegt in der frühen Abenddämmerung aus. Gejagt wird im langsamem, schmetterlingsartigem Flug oft im unteren Baumbereich oder niedrig über offenen Flächen und Wegen. Kann Beute von Blättern und dem Boden absammeln. Sucht im hängen die Umgebung nach Beutetieren ab. Durchschnittliche Flugstrecke ins Jagdgebiet ca. 10km vom Quartier entfernt
Nahrung: Hautflügler, Käfer, Köcherfliegen, Nachtfalter, Spinnen, Zweiflügler
Kot: Der Kot der großen Hufeisennase ist dunkelbraun bis schwarz, etwa bis zu 1cm lang und zeichnet sich dadurch aus, dass er beim Zerreiben zwischen den Fingern sofort zu staubigem Pulver zerfällt. Längliche kleine Kotpillen (Kügelchen), ähnlich wie Reiskörner oder kleine Kaffeebohnen. Durch unverdaute Chitinteile von Insekten glänzt der frische Kot oft leicht und schimmert beziehungsweise glitzert ein wenig im Licht
Fortpflanzung: Nesthocker, werden meist in sogenannten Wochenstuben geboren. Diese Wochenstuben befinden sich typischerweise warmen, ungestörte Dachböden, Scheunen, Gewölbekeller oder Kirchtürmen. Die Wochenstubengröße beträgt meist 30 – 400 Weibchen
Paarungszeit: September, dann 5 – 6 Monate Keimruhe
Balzverhalten: Männchen nutzen spezielle singende Rufe von festen Warten aus, um Weibchen in Paarungsquartieren wie Höhlen, Stollen oder Dachböden anzulocken
Tragzeit: 68 – 75 Tage
Wurfzeit: Ende Juni – Ende Juli
Wurfgröße: 1 Jungtier
Anzahl der Würfe: 1 Wurf pro Jahr
Säugezeit: 3 – 4 Wochen
Selbstständig: 3 – 4 Wochen
Geschlechtsreife: 2 – 4 Jahre
Jungensterblichkeit: 50%
Natürliche Feinde: Eulen, Greifvögel, Marder, Katzen
Abwehrverhalten: Bei Störung stoßen die Tiere lautes Zischen, Keckern oder helle Schreie aus. Sie öffnen das Maul weit, zeigen die Zähne und richten den hufeisenförmigen Nasenaufsatz auf den Störenfried. Sie fliegen blitzschnell weg oder verkriechen sich tief in unzugängliche Felsspalten und Höhlenwinkel
Krankheiten: Coronavirus, Fledermaustollwut (Lyssaviren), Flöhe, Flughautmilben, Lausfliegen, Magen-Darm-Würmer (Rundwürmer), Pilz- und Hautkrankheiten, Weißnasensyndrom (White-Nose-Syndrom)
Schutzstatus:
– Bundesnaturschutzgesetz
– FFH Richtlinie – Anhang IV
Es ist verboten, große Hufeisennasen zu töten, zu verletzen, zu fangen oder zu stören sowie das Beschädigen oder Zerstören von Fortpflanzungs- und Ruhestätten. Es drohen bei Verstoß eine Geldstrafe von bis zu 50.000€ oder eine Freiheitsstrafe!
Im Bundesjagdgesetz (BJagdG): Nein
Funktion im Ökosystem: Fängt gezielt große Käfer, Schmetterlinge und Zweiflügler im Flug oder von Ansitzwarten aus. Reduziert Populationsdichten von potenziellen Forstschädlingen und Wiesenschädlingen auf biologischem Weg. Benötigt eng verzahnte, pestizidfreie Kulturlandschaften mit Hecken, Weiden und alten Laubwäldern. Das Vorkommen der wärmeliebenden Art beweist ein intaktes regionales Mikro-Ökosystem mit reichem Nahrungsangebot. Trägt durch ihren Kot (Guano) in unterirdischen Sommer- und Winterquartieren (Höhlen, Stollen) Nährstoffe ein, die dort als Grundlage für spezialisierte Höhlenorganismen dienen
Große Hufeisennasen brauchen Hilfe, wenn …
– sie tagsüber offen am Boden sitzen, verletzt sind, oder sich in Wohnräumen verirrt haben
– verwaiste Jungtiere in den Monaten Juni und Juli, wenn die Wochenstuben extrem störungsempfindlich sind gefunden werden
– sie im Winter versehentlich geweckt wurden oder erschöpft im Freien gefunden werden (jeder Aufwachvorgang zehrt extrem von den Reserven)
Wie helfe ich richtig?
– Nicht mit bloßen Händen anfassen. Fledermäuse können beißen, wenn sie Angst haben. Immer dicke Handschuhe (Gartenhandschuhe) oder ein Tuch benutzen
– Das Tier vorsichtig mit dem Tuch greifen.
– Sehr kleine Luftlöcher in den Karton stechen
– Fledermaus hinein setzen
– Ein Stück Stoff (z.B. ein altes T-Shirt) oder ein Tuch hinein, in das sich das Tier zurückziehen kann
– Wenn das Tier sehr schwach oder kalt wirkt, kann man eine Wärmflasche (körperwarm) eingewickelt in eine Socke neben das Tier in den Karton legen
– Karton an einen kühlen, dunklen und ruhigen Ort stellen
– Experten kontaktieren Fledermäuse sind Wildtiere und brauchen fachkundige Hilfe, besonders wenn sie verletzt sind oder es sich um ein Jungtier handelt
– Fledermauspflegestelle oder Wildtierstationkontaktieren
– Keine Nahrung geben, Fledermäuse sind Spezialisten. Falsches Futter (wie Milch) führt zum Tod
– Eine verletzte oder am Tag gefundene Fledermaus nicht einfach wieder fliegen lassen, sie wird wahrscheinlich nicht überleben
– Nicht in die pralle Sonne stellen
Was kann ich tun um Konflikte zu vermeiden?
– Tiere im Sommer (Wochenstuben) oder Winter (Winterschlaf) nicht durch Lärm, Licht oder Renovierungsarbeiten stören
– Ungiftige Holzschutzmittel nutzen und Dacharbeiten mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) oder lokalen Fledermausexperten abstimmen
– Einsatz von Pflanzenschutzmitteln vermeiden, um die Nahrungsgrundlage (Insekten) der Tiere zu sicher
– Weniger chemische Entwurmungsmittel (Medikamente für Weidevieh) nutzen, da diese Insekten im Kot vernichten, die auf dem Speiseplan der Fledermäuse stehen
– Hecken, Streuobstwiesen und alte Laubwälder erhalten, die den Tieren als Jagdgebiet dienen
Was kann ich tun um die die großen Hufeisennase zu unterstützen?
– Große Hufeisennasen fliegen frei im Raum und hängen sich an den Dachfirst. Einflüge in alten Scheunen oder Dachstühlen daher nicht verschließen
– Im Sommerhalbjahr auf grelle Fassaden- oder Gartenbeleuchtungen am Haus verzichten, da dies die Tiere beim Ausflug stört
– Winterquartiere (wie alte Keller oder Stollen) im Winter möglichst nicht betreten, um den lebenswichtigen Winterschlaf der Fledermäuse nicht zu stören
– Auf Pestizide und Insektizide im Garten verzichten, um den Speiseplan der Fledermäuse (Käfer, Nachtfalter, Zweiflügler) zu sichern
– Blütenreiche Bereiche mit einheimischen Pflanzen anlegen, die nachtaktive Insekten anlocken
– Hecken, Alleen, Streuobstwiesen und strukturreiche Waldränder in der Umgebung schützen, da die Tiere dort ihre Jagdflüge absolvieren
– Beim Fund einer Kolonie oder einer hilflosen/toten Fledermaus, an lokale Koordinationsstellen oder den NABU Fledermausschutz melden
– Organisationen wie der Landesbund für Vogelschutz (LBV) betreuen gezielt Schutzprojekte und Lebensräume (beispielsweise durch angepasste Beweidung mit alten Rinderrassen), die durch Spenden oder ehrenamtliche Hilfe unterstützt werden können
