A B D E F G H I K L M N Ö R S T W Z
Ga Go Gr

Große Bartfledermaus (Brandtfledermaus) – Myotis brandtii

Einheimische Art

Klasse: Säugetiere
Ordnung: Fledertiere
Familie: Glattnasen
Art: Große Bartfledermaus (Brandtfledermaus)

Geschichte: Die Große Bartfledermaus, auch als Brandtfledermaus bekannt, besitzt eine biologische und wissenschaftliche Entdeckungsgeschichte, die von großer Ähnlichkeit zu ihren Schwesternarten geprägt ist. Sie wurde 1845 erstmals von dem deutschen Biologen Eduard Friedrich von Eversmann wissenschaftlich beschrieben. Der wissenschaftliche Artname brandtii ehrt den deutschen Zoologen Johann Friedrich von Brandt. Obwohl sie bereits im 19. Jahrhundert beschrieben wurde, geriet dieser Status lange in Vergessenheit. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wurde sie mit der Kleinen Bartfledermaus (Myotis mystacinus) als eine einzige Art zusammengefasst. Die Anerkennung der Großen Bartfledermaus als eigenständige, vom Menschen unterscheidbare Art ist relativ jung: Erst in den 1960er und 1970er Jahren wiesen Forscher durch genaue anatomische Untersuchungen (unter anderem anhand von Zahnmerkmalen und der Penisform der Männchen) nach, dass es sich um zwei eigenständige Arten handelt. Später wurde sogar noch eine dritte, äußerlich fast identische Art aus diesem Komplex isoliert – die Nymphenfledermaus. Trotz ihrer Einordnung zu den „kleinen“ Fledermausarten ist die Große Bartfledermaus die größte unter diesen drei eng verwandten Bartfledermäusen. Die Große Bartfledermaus gehört zur Gattung Myotis, einer der artenreichsten und am weitesten verbreiteten Säugetiergattungen der Welt. Fossilienfunde zeigen, dass sich die Gattung Myotis bereits im frühen Oligozän (vor etwa 30 bis 33 Millionen Jahren) entwickelt hat. Die Art besitzt eine erstaunliche evolutionäre Anpassung an Langlebigkeit. Im Jahr 2005 wurde in Sibirien eine Brandtfledermaus wiedergefangen, die nachweislich mindestens 41 Jahre alt war – ein absoluter Weltrekord für kleine Säugetiere, der intensiv erforscht wird, um die Evolution von Alterungsprozessen zu verstehen

Mythologie: …

Buchtipps:
– Fledermaus ganz nah von Ingrid Kaipf
– Fledermäuse beobachten, erkennen und schützen von Kurt Richarz

Beschreibung: Relativ langes Fell. Oberseite goldbraun, mittelbraun bis rötlich. Unterseite hell braungrau. Ohren braun und langgestreckt. Schnauze behaart. Auch als Brandtfledermaus bekannt. Anders als bei der kleinen Bartfledermaus ist der Penis der Männchen am Ende deutlich verdickt
Körpergröße: 3,9cm – 5,1cm
Flügelspannweite: 19cm – 26cm
Unterarmlänge: 3,2cm – 3,8cm
Gewicht: 4g – 10g
Herzfrequenz: 900 – 1.000 Schläge pro Minute
Körpertemperatur: 35°C – 38°C

Sinnesleistung:
Sehvermögen: Kann gut sehen, nutzt die Augen aber vor allem im Dämmerlicht
Gehör: Hochentwickeltes Ultraschallgehör zur Orientierung und Insektenjagd
Geruchsinn: Vor allem zur Orientierung in Quartieren, zur Erkennung von Artgenossen und zur Ergänzung der Jagd auf Insekten in waldreichen Lebensräumen
Geschmackssinn: Die große Bartfledermaus ernährt sich hauptsächlich von Schmetterlingen, Zweiflüglern (wie Schnaken und Fliegen), Käfern und Spinnen. Bei rein insektenfressenden Fledermausarten sind die genetischen Anlagen für die Geschmacksrichtungen Umami (herzhaft/proteinhaltig) und Bitter intakt. Der Geschmackssinn dient bei der Jagd vor allem als Qualitätskontrolle in letzter Sekunde. Da Insekten chemische Abwehrstoffe oder Toxine enthalten können, hilft insbesondere das Erkennen von Bittergeschmack dabei, ungenießbare oder giftige Beute sofort wieder auszuspucken
Sonstiges: Die Flug- und Flughäute sind mit sensiblen Sinneszellen besetzt. Sie spüren Luftströmungen und kleinste Hindernisse im Flug
Frequenz/Rufe: 37kHz – 50kHz „…“, Ruflänge 4ms – 7ms

Lebenserwartung: Bis zu 41 Jahre
Lebensraum: Wälder, Waldlichtungen, Waldränder, Au- und Bruchwälder, Moor- und Feuchtgebiete, Schlucht- und Bergwälder bis in einer höhe von 1.500m
Sommerquartiere: Baumhöhlen, Stammrisse, hinter loser Baumrinde, schmale Fledermauskästen, Spalten in Hausfassaden
Winterquartiere: Höhlen, Stollen, Bergkeller
Lebensweise: Teilen ihr Quartie oft mit der kleinen Bartfledermaus

Fortbewegung: Fliegt 10km/h – 15 km/h . Kann sich an rauen Flächen, Wänden oder in Verstecken flink krabbelnd fortbewegen
Jagdverhalten: Fliegt in der frühen Abenddämmerung aus. Gejagt wird im wendigen Flug entlang von Wegen und Schneisen, in dichten Au- oder Hallenwäldern, über Gewässern oder entlang derer Begleitvegetation. Durchschnittliche Flugstrecke ins Jagdgebiet ca. 10km vom Quartier entfernt
Nahrung: Ohrwürmer, Schmetterlinge, Spinnen, Weberknechte, Zweiflügler (Fliegen, Schnaken, Zuckmücken)
Kot: Die einzelnen Kotkrümel sind sehr klein – in der Regel etwa so groß wie ein einzelnes Reiskorn (ca. 4mm – 7mm lang und unter 2,5mm dünn). Dunkelbraun bis tiefschwarz. Da sich Fledermäuse ausschließlich von Insekten ernähren, besteht der Kot fast komplett aus unverdaulichen Insektenpanzern (Chitin). Er ist daher extrem trocken, bröselig und zerfällt bei leichtem Druck zwischen den Fingern zu feinem, glitzerndem Staub (die reflektierenden Chitinreste). Fledermauskot enthält keine weißen Anteile (Urinstein), da Fledermäuse flüssigen Urin separat ausscheiden

Fortpflanzung: Nesthocker, werden meist in sogenannten Wochenstuben geboren. Diese Wochenstuben befinden sich typischerweise in engen Spalten an und in Gebäuden wie Dachstühlen, hinter Fassadenverkleidungen oder unter Verschalungen. Zudem nutzen sie manchmal Baumhöhlen, Risse in Baumstämmen oder spezielle Fledermauskästen. Diese umfassen meist 20 – 350 Tiere
Paarungszeit: August – November, dann 5 – 6 Monate Keimruhe
Balzverhalten: Männchen werben mit lauten Rufkonzerten in Baumhöhlen, Spalten oder Fledermauskästen um Weibchen
Tragzeit: 50 – 60 Tage
Wurfzeit: Mitte Juni – Ende Juni
Wurfgröße: 1 Jungtier
Anzahl der Würfe: 1 Wurf pro Jahr
Säugezeit: 3 – 4 Wochen
Selbstständig: 3 – 4 Wochen
Geschlechtsreife: 12 – 14 Monate
Jungensterblichkeit: …

Natürliche Feinde: Eulen, Greifvögel, Marder, Katzen
Abwehrverhalten: Ausstoßen hörbarer, helle Schreie oder Zischlaute neben dem Ultraschall. Aufreißen des Mundes und Abwehrschlagen mit den Zähnen (kann schmerzhaft sein). Schnelle, ruckartige Bewegungen mit dem Kopf oder Rückwärtslaufen, um den Angreifer zu verwirren. Schnelles Wegfliegen oder Herabfallenlassen von der Wand, um im Sturzflug zu entkommen
Krankheiten: Fledermausfliegen, Fledermaustollwutvirus (EBLV), Flöhe, Milben, Renale Kokzidiose (Befall der Nierengänge durch einzellige Parasiten)

Schutzstatus:
– Bundesnaturschutzgesetz
– FFH Richtlinie – Anhang IV
Es ist verboten, große Bartfledermäuse zu töten, zu verletzen, zu fangen oder zu stören sowie das Beschädigen oder Zerstören von Fortpflanzungs- und Ruhestätten. Es drohen bei Verstoß eine Geldstrafe von bis zu 50.000€ oder eine Freiheitsstrafe!
Im Bundesjagdgesetz (BJagdG): Nein

Funktion im Ökosystem: Vernichtet große Mengen nachtaktiver Gliederfüßer und hilft, das Gleichgewicht in Wald- und Gewässerbiotopen zu wahren. Zeigt die Qualität strukturreicher, lichter Wälder mit intakten Gewässerrändern und naturnahen Totholz- oder Spaltenquartieren an. Trägt durch ihren Guano (Kot) in Baum- und Gebäudequartieren zur lokalen Nährstoffverfügbarkeit bei

Große Bartfledermäuse brauchen Hilfe, wenn …
– sie tagsüber frei und ungeschützt auf dem Boden oder an einer Hauswand sitzen und nicht wegfliegen
– sie sichtbare Wunden haben oder bluten
– sie verletzte Flughäute haben
– sie von der Katzen gebracht wurden
– sie im tiefen Winter (bei Frost) im Freien umherfliegen oder am Boden liegen
– sie extrem abgemagert sind und kraftlos wirken
– nackte Jungtiere verlassen am Boden liegen (meist im Frühsommer/Juni-Juli)

Wie helfe ich richtig?
– Nicht mit bloßen Händen anfassen. Fledermäuse können beißen, wenn sie Angst haben. Immer dicke Handschuhe (Gartenhandschuhe) oder ein Tuch benutzen
– Das Tier vorsichtig mit dem Tuch greifen.
– Sehr kleine Luftlöcher in den Karton stechen
– Fledermaus hinein setzen
– Ein Stück Stoff (z.B. ein altes T-Shirt) oder ein Tuch hinein, in das sich das Tier zurückziehen kann
– Wenn das Tier sehr schwach oder kalt wirkt, kann man eine Wärmflasche (körperwarm) eingewickelt in eine Socke neben das Tier in den Karton legen
– Karton an einen kühlen, dunklen und ruhigen Ort stellen
– Experten kontaktieren Fledermäuse sind Wildtiere und brauchen fachkundige Hilfe, besonders wenn sie verletzt sind oder es sich um ein Jungtier handelt
– Fledermauspflegestelle oder Wildtierstationkontaktieren
– Keine Nahrung geben, Fledermäuse sind Spezialisten. Falsches Futter (wie Milch) führt zum Tod
– Eine verletzte oder am Tag gefundene Fledermaus nicht einfach wieder fliegen lassen, sie wird wahrscheinlich nicht überleben
– Nicht in die pralle Sonne stellen

Was kann ich tun um Konflikte zu vermeiden?
– Vor Dach- oder Fassadensanierungen den Bau auf Spaltenquartiere kontrollieren, da die Tiere dort im Sommer oft mit Jungen leben
– Quartiere nicht eigenmächtig verschließen oder zerstören (streng geschützte Art nach dem Bundesnaturschutzgesetz)
– Vor baulichen Veränderungen alternative Flachkästen oder Fledermausbretter anbringen

Was kann ich tun um die die große Bartfledermaus zu unterstützen?

– Spezielle flache Fledermauskästen oder Fledermausbretter an geschützten Hauswänden, Scheunen oder Bäumen anbringen
– Schlupfwinkel hinter Holzverkleidungen, Schieferfassaden oder Dachvorsprüngen erhalten, da die Tiere dort ihre Jungen aufziehen
– Alte Bäume mit Rindenrissen oder Spechthöhlen im Wald oder Garten als natürliche Baumquartiere bewahren
– Außenbeleuchtung nachts möglichst oft ausschalten, da künstliches Licht jagende Fledermäuse stört
– Einheimische Pflanzen und nachtblühende Blumen anpflanzen, die Nachtfalter und andere Insekten anlocken
– Auf Insektengifte und chemische Keulen im Garten verzichten, damit die Fledermäuse gesund bleiben und genug Beute finden



Über den Experten: caroline.schoch

Zur Webseite des Experten »