Einheimische – Art
Klasse: Reptilien
Ordnung: Schuppenkriechtiere
Familie: Nattern
Art: Schlingnatter
Geschichte: Die Schlingnatter hat eine faszinierende Geschichte, die sich sowohl in ihrer evolutionären Herkunft als auch in der Entstehung ihrer verschiedenen Namen widerspiegelt. Aus evolutionsbiologischer Sicht gehört die Schlingnatter zur Familie der Nattern (Colubridae), einer der artenreichsten und modernsten Schlangenfamilien der Erde. Sie ist eine der am weitesten verbreiteten Schlangenarten in Europa. Historisch und ökologisch gesehen lagen ihre ursprünglichen Lebensräume in lichten Wäldern (wie Stieleichen-Birkenwäldern) sowie in den unberührten Randbereichen von Hochmooren und Heidelandschaften. Im Laufe der nacheiszeitlichen Erwärmung breitete sie sich über weite Teile Mitteleuropas bis nach Westsibirien aus. Da sie wechselwarm ist, zog sie sich im Norden in wärmebegünstigte Mikrohabitate zurück (z. B. sandige Heidegebiete), während sie im Süden heute auch in strukturreichen Kulturlandschaften wie Weinbergen und Bahndämmen lebt. Der deutsche und der wissenschaftliche Name erzählen jeweils eine eigene Geschichte über das Tier, Schlingnatter; Dieser Name leitet sich direkt von ihrem Jagdverhalten ab. Da sie ungiftig ist, packt sie größere Beutetiere (wie Eidechsen oder Mäuse) blitzschnell und umschlingt sie mehrmals mit ihrem Körper, um sie zu erdrosseln oder zu fixieren, bevor sie sie verschlingt. Glattnatter (Zweitname; Im Gegensatz zu Kreuzottern oder Ringelnattern besitzt die Schlingnatter vollkommen glatte, ungekielte Schuppen ohne spürbaren Mittelgrat. Sie fühlt sich dadurch beim Anfassen sehr glatt und geschmeidig an. Der Name wurde 1768 von dem österreichischen Arzt und Naturforscher Nikolaus Laurenti geprägt. Coronella bedeutet im Lateinischen „Krönchen“ und bezieht sich auf die charakteristische, oft herz- oder kronenförmige dunkle Zeichnung auf ihrem Hinterkopf. Austriaca bedeutet „österreichisch“, da die Exemplare, die Laurenti für die allererste wissenschaftliche Beschreibung (Erstbeschreibung) vorlagen, aus Österreich stammten. Regional wurde sie früher auch Haselnatter oder Kupferschlange genannt, was auf die nussbraune bis rötliche Färbung mancher Exemplare (besonders der Männchen) anspielt
Mythologie: …
Buchtipps:
– …
Beschreibung: Sie ist graubraun oder rötlich gefärbt mit einer unregelmäßigen, oft paarigen Fleckenzeichnung auf dem Rücken, die aus der Entfernung an ein Zickzackband erinnern kann. Ihre Rückenschuppen besitzen keinen Mittelkiel, wodurch sie sich glatt anfühlen – daher der Name Glattnatter. Der schmale Kopf setzt sich kaum vom Körper ab und hat runde Pupillen (im Gegensatz zur Kreuzotter mit Schlitzpupillen). Ein dunkler Augenstreifen zieht sich vom Nasenloch bis zum Hals
Gesamtlänge : Bis zu 75cm
Gewicht: 50g – 80g
Herzfrequenz: In Aktivitätsphasen; 70 – 110 Schläge pro Minute, in der Winterstarre; 3 – 5 Schläge pro Minute
Körpertemperatur: In Aktivitätsphasen; 29°C – 33°C, in der Winterstarre; 4°C – 8°C
Sinnesleistung:
Sehvermögen: Bewegungsseher
Gehör: Besitzt keine Außenohr oder Trommelfell, weshalb sie klassischen Luftschall kaum wahrnehmen kann
Geruchsinn: Da die Zunge gespalten ist, kann die Schlingnatter kleinste Konzentrationsunterschiede rechts und links wahrnehmen. So ortet sie ihre Beute (vor allem Eidechsen und Blindschleichen) präzise im dichten Unterholz
Geschmacksinn: Durch das regelmäßige Herausstrecken der gespaltenen Zunge nimmt die Schlingnatter Geruchspartikel aus der Luft und vom Boden auf. Beim Einziehen der Zunge werden die Partikel in die beiden Vertiefungen des Jacobson-Organs geführt
Sonstiges: Schlingnattern reagieren extrem empfindlich auf Bodenvibrationen. Da sie flach auf dem Untergrund aufliegen, leitet ihr Skelett (insbesondere der Unterkiefer) Erschütterungen direkt an das Innenohr weiter. Sie „hören“ herannahende Feinde oder Beutetiere lange, bevor sie diese sehen. Da sie wechselwarm ist, spürt die Schlingnatter Temperaturunterschiede sehr genau über Rezeptoren in ihrer Haut. Dies nutzt sie, um gezielt Aufwärmplätze (wie von der Sonne erhitzte Steine) anzusteuern, um ihre Vorzugstemperatur zu erreichen Jakobsonsches Organ
Lautäußerung: Zischen (Angreifer abschrecken)
Lebenserwartung: Bis zu 20 Jahre
Lebensraum: Wechsel aus offenen Rohbodenflächen und Verstecken ist essenziell. Felsen, Steinhaufen, Trockenmauern, Totholz, alte Bahndämme oder Steinbrüche. Lichte Wälder, Waldränder, Magerrasen, Heidegebiete oder trockene Moorränder
Nest: Die Schlingnatter baut kein klassisches Nest und legt auch keine Eier, da sie lebendgebärend ist
Lebensweise: Einzelgänger, tagaktiv. An heißen Sommertagen jagt und sonnt sie sich vor allem morgens und am späten Abend; die große Mittagshitze verbringt sie in Verstecken wie Felsspalten, Totholz oder Erdlöchern. Von etwa Oktober bis April hält sie in frostfreien Unterschlüpfen Winterstarre. Sie gilt als ausgesprochen standorttreu
Fortbewegung: Meist sehr langsam, vorsichtig und extrem heimlich. Schlingnattern können hervorragend durch engste Steinspalten klettern und bei Bedarf auch gut schwimmen. Während der Hauptfressphase im Sommer legt sie im Schnitt oft nur 25m – 35m am Tag zurück. Nur bei den Wanderungen im Frühjahr (z. B. nach der Winterstarre) können es auch mal ein paar hundert Meter pro Tag sein
Nahrung: Amphibien, Artgenossen, Blindschleichen, Eidechsen, junge Mäuse, Vögel
Sonstiges: Beim Jagen schießt sie blitzschnell nach vorne, packt das Opfer und umschlingt es sofort mit ihrem Körper
Kot: Der Haufen besteht aus einem dunkelbraunen bis schwarzen Kotanteil (Verdauungsreste) und einem kalkig-weißen oder cremefarbenen Anteil. Dieser weiße Teil ist das sogenannte Urat (feste Harnsäure, die den Urin ersetzt). Frischer Kot ist meist recht breiig, feucht und ungeformt. Da Schlangen reine Fleischfresser sind (Schlingnattern fressen vor allem Eidechsen und Blindschleichen, seltener Mäuse), fehlen Ballaststoffe wie Pflanzenfasern, die den Kot formen würden. Im Kot können unverdauliche Reste wie Schuppen, Haare oder kleine Knöchelchen der Beutetiere stecken
Fortpflanzung: Nach dem Schlupf Nestflüchter, hat keinen festen oder baulichen „Geburtsort“ im klassischen Sinne, da sie lebendgebärend (ovovivipar) ist. Die Jungtiere kommen voll entwickelt direkt in ihrem gewohnten Sommerlebensraum zur Welt
Paarungszeit: April – Mai
Balzverhalten: Bevor es zur eigentlichen Balz kommt, herrscht unter den Männchen eine hohe Aggressivität. Treffen Rivalen aufeinander, fechten sie Kommentkämpfe aus. Dabei umschlingen sich die Kontrahenten heftig und versuchen, den Kopf des Gegners auf den Boden zu drücken. Es kommt hierbei auch zu echten, teils verletzenden Beißereien. Hat ein Männchen ein paarungsbereites Weibchen ausgemacht, beginnt die eigentliche Balz. Das Männchen nähert sich unter intensivem Züngeln (Geruchsaufnahme) und kriecht über oder neben das Weibchen. Ein charakteristisches, rhythmisches Kopfnicken des Männchens signalisiert Paarungsabsichten und prüft die Bereitschaft des Weibchens
Brutdauer: Die Embryonen reifen über 4 bis 5 Monate im Bauch des Weibchens heran
Schlupfzeit: Mitte August – September
Gelegegröße: 3 – 15 Jungtiere
Anzahl der Gelege: 1 Gelege pro Jahr alle 2 – 3 Jahre
Brutpflege: Unmittelbar nach dem Schlüpfen trennt sich das Muttertier von den Jungen
Selbstständig: Schlingnattern sind sofort komplett auf sich allein gestellt und müssen eigenständig Schutz vor Fressfeinden suchen sowie auf Jagd gehen
Geschlechtsreife: 3 – 4 Jahre
Jungensterblichkeit: Sehr hoch, über 70% – 80% erreichen das Erwachsenenalter nicht
Sonstiges: …
Natürliche Feinde: Drosseln, Eulen, Füchse, Greifvögel, Hermeline, Igel, Iltise, Katzen, Marder, Rabenvögel, Weißstörche, Wildschweine
Abwehrverhalten: Bei Gefahr verharrt sie zunächst völlig regungslos und vertraut auf ihre hervorragende Tarnung. Wird sie dennoch entdeckt, schlüpft sie lautlos ins nächste Versteck. In die Enge getrieben richtet sie manchmal den Vorderkörper drohend auf. Bei akuter Gefahr oder wenn sie ergriffen wird, nutzt die Schlingnatter Kot gezielt als Abwehrwaffe. Sie entleert dann schlagartig ihren Darm und verspritzt ein extrem übelriechendes Gemisch aus Kot, Harnsäure und dem Sekret ihrer Analdrüsen
Krankheiten: Durch Pilze verursachte Abszesse in inneren Organen wie der Leber, Fadenwürmer (Nematoden), Häutungsstörungen (Dysdyse), Kokzidien, Milben, Salmonellen, Schlangenpilz (Ophidiomyces ophidiicola), Zecken
Schutzstatus:
– Bundesnaturschutzgesetz – Streng geschützt
– FFH Richtlinie IV
Es ist strikt verboten, Schlingnattern zu fangen, zu verletzen, zu töten oder ihre Fortpflanzungs- und Ruhestätten (wie Winterquartiere) zu beschädigen oder zu zerstören. Es drohen bei Verstoß bis zu 50.000 € Strafe oder bis zu 5 Jahre Freiheitsstrafe!
Im Bundesjagdgesetz (BJagdG): Nein
Funktion im Ökosystem: Als spezialisierter Jäger reguliert die Schlingnatter die Bestände anderer Kleintiere. Da sie eine ungiftige Würgeschlange ist, überwältigt sie ihre Beute durch Umschlingen. Zu ihrer Hauptnahrung gehören Eidechsen (wie die Zauneidechse oder Waldeidechse) und Blindschleichen. Sie hält diese Populationen gesund, indem sie vor allem langsame oder geschwächte Individuen erbeutet. Sie jagt in den Bauten von Mäusen und Spitzmäusen. Durch das Fressen von Jungmäusen trägt sie zur Eindämmung von Nagetierplagen bei, was indirekt die Vegetation schützt. Die Schlingnatter ist selbst eine wichtige Proteinquelle für höher stehende Fleischfresser (Apex-Prädatoren) im selben Lebensraum. Sie benötigt ein Mosaik aus offenen Sonnenplätzen (Trockenmauern, Steinhaufen, Felsen) und schützender Vegetation (Hecken, lichte Waldränder, Heidekrauthabitate). Verschwindet die Schlingnatter aus einem Gebiet, ist dies oft ein Warnsignal für das Zuwachsen oder die Monotonisierung der Landschaft (z. B. durch intensive Landwirtschaft oder das Fehlen von Totholz und Steinstrukturen)
Schlingnattern brauchen Hilfe, wenn …
– sie offene Wunden haben, von einem Haustier (Katze, Hund) gebissen wurden oder überfahren/eingeklemmt wurden
– sie in geschlossenen Räumen, tiefen Gruben, Regentonnen oder Kellern festitzen und sich nicht selbst befreien können
– in ihrem direkten Lebensraum (z. B. bei der Sanierung von alten Trockenmauern oder Rodungen) Nester oder Winterquartiere zerstört wurden
Wie helfe ich richtig?
– Handschuhe anziehen (Eigenschutz)
– Schlingnatter in stabilen Karton mit kleinen Luftlöchern oder eine Plastikbox mit Belüftung setzten
-Den Behälter mit einem Handtuch oder Küchenpapier auslegen, damit die Natter Halt hat.
– Die Schlange am besten mithilfe eines Handtuchs hochnehmen, um den Stress für das Tier zu minimieren und sich vor Abwehrbissen zu schützen (Hinweis: Obwohl Schlingnattern ungiftig sind, können sie bei Bedrohung zubeißen, was oberflächlich bluten kann)
– Karton gut verschließen. Dunkelheit beruhigt das Reptil und senkt den Schockzustand. Box an einen ruhigen Ort stellen
– Nichts zu fressen oder zu trinken geben, da Flüssigkeit in die Atemwege geraten kann
– Da Reptilien eine sehr spezielle medizinische Versorgung benötigen, sollte man sich direkt an Experten wie den NABU wenden
– Normale Kleintierpraxen sind oft nicht auf Schlangen spezialisiert. Fragen Sie gezielt nach einer Praxis mit dem Schwerpunkt Reptilien
– Kann man niemanden erreichen, den örtlichen Tierschutzverein oder die untere Naturschutzbehörde des Landkreises kontaktieren
– Nach der Abgabe an fachkundige Stelle, Hände gut waschen und desinfizieren (Eigenschutz)
Was kann ich tun um Konflikte zu vermeiden?
– Ruhe bewahren und Abstand halten, das Tier einfach in Ruhe fliehen lassen. Schlingnattern verteidigen sich nur durch Bisse oder ein übelriechendes Sekret, wenn sie in die Enge getrieben oder hochgenommen werden
– Besonders vorsichtig beim Umschichten von Kompost, Totholz-, Reisig- oder Steinhaufen sein. Dies sind typische Verstecke und Sonnenplätze der Schlangen
– „Wilde Ecken“ am Grundstücksrand so wenig wie möglich betreten. Dort hält sich das Tier auf und meidet die vielgenutzte Rasenfläche
– Nach Möglichkeit Balkenmäher anstelle von Rotationsmähern oder Freischneidern verwenden, um das Verletzungsrisiko für Reptilien drastisch zu senken
– Während der Aktivitätsphase der Tiere (Frühjahr bis Herbst) eine Schnitthöhe von mindestens 15cm einhalten
– Flächen idealerweise abschnittsweise mähen und Säume, Böschungen oder Altgrasstreifen als Flucht- und Restflächen stehen lassen
Was kann ich tun um die Schlingnatter zu unterstützen?
– Sonnige Haufen aus Steinen oder Totholz anlegen. Diese dienen den wärmeliebenden Tieren als Sonnenbank und tagsüber oder nachts als Schutz
-Auf Pestizide verzichten. So sichert man die Nahrungsgrundlage der Schlingnatter, die vor allem aus Eidechsen, Blindschleichen und Mäusen besteht
-Vollständiges Überwachsen oder dichte Aufforsten von sonnigen, mageren Standorten vermeiden
– Lokale Artenschutzprojekten oder den NABU bei der Pflege von Schutzgebieten unterstützen
