Einheimische Art
Klasse: Säugetiere
Ordnung: Fledertiere
Familie: Glattnasen
Art: Bechsteinfledermaus
Geschichte: Die Bechsteinfledermaus hat sowohl eine faszinierende biologische Entstehungsgeschichte als auch eine historisch bedeutende Namensgebung, die eng mit den Anfängen des modernen Naturschutzes verknüpft ist. Ihren Namen verdankt die Fledermausart dem deutschen Naturforscher und Forstwissenschaftler Johann Matthäus Bechstein (1757–1822). Bechstein gilt als einer der wichtigsten Pioniere des Naturschutzes und wird oft als „Vater der deutschen Vogelkunde“ bezeichnet. Er setzte sich bereits im frühen 19. Jahrhundert – zu einer Zeit, als Fledermäuse oft noch als unheimliche Plagegalerie galten – vehement für den Schutz von Fledertieren und Vögeln ein. Wissenschaftlich beschrieben und benannt wurde die Art im Jahr 1817 durch den deutschen Zoologen Heinrich Kuhl, der sie zu Ehren von Bechsteins Pionierarbeit taufte. Aus evolutionärer und ökologischer Sicht ist die Bechsteinfledermaus ein echtes Urgestein der europäischen Wälder. Sie gehört zur Gattung der Mausohren (Myotis), einer der ältesten und artenreichsten Linien innerhalb der Glattnasen-Fledermäuse. Die Ursprünge der Fledertiere allgemein reichen über 50 Millionen Jahre zurück. Ökologisch wird die Art oft als „Urwaldfledermaus“ bezeichnet. Seit Jahrtausenden – lange bevor der Mensch die europäischen Wälder forstwirtschaftlich umgestaltete – besiedelt sie alte, feuchte Laubmischwälder (insbesondere Eichen- und Buchenwälder). Sie ist perfekt an ein Leben angepasst, das sich fast ausschließlich im dichten Kronendach und in alten Baumhöhlen (wie verlassenen Spechthöhlen) abspielt. Historisch war die Bechsteinfledermaus in den riesigen, unberührten Laubwaldgebieten Mitteleuropas weit verbreitet. Mit der zunehmenden Rodung und Umwandlung von Laubwäldern in schnell wachsende Nichten- und Kiefernmonokulturen im 19. und 20. Jahrhundert verlor die Art jedoch dramatisch an Lebensraum. Heute gilt sie als seltene und streng geschützte FFH-Art (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie). Deutschland bildet historisch wie aktuell den weltweit wichtigsten Kernbereich ihres verbliebenen Verbreitungsgebiets, weshalb dem Land eine besondere internationale Verantwortung für den Erhalt dieser geschichtsträchtigen Art zukommt
Mythologie: …
Buchtipps:
– Fledermaus ganz nah von Ingrid Kaipf
– Fledermäuse beobachten, erkennen und schützen von Kurt Richarz
Beschreibung: Oberseite hell braun. Unterseite weißgrau. Breite Flügel. Verhältnismäßig große Ohren die sich an der Basis nicht berühren
Körpergröße: 3,8cm – 5,5cm
Flügelspannweite: 25cm – 29cm
Unterarmlänge: 3,5cm – 4,6cm
Gewicht: 7g – 14g
Herzfrequenz: In Aktivitätsphasen; 600 – 900 Schläge pro Minute, im Winterschlaf; 10 – 30 Schläge pro Minute
Körpertemperatur: In Aktivitätsphasen; 35°C – 40°C, im Winterschlaf; 3°C – 10°C
Sinnesleistung:
Sehvermögen: Sehsinn ist nicht verkümmert, spielt im finsteren Wald aber eine untergeordnete Rolle
Gehör: Das feine Gehör ist so leistungsfähig, dass sie nicht nur fliegende Insekten orten, sondern auch das leise Krabbeln von Laufkäfern oder sitzenden Spinnen wahrnehmen und ansteuern kann
Geruchsinn: Hilft beim Finden von Quartieren, dem sozialen Kontakt und der Unterscheidung von Duftmarken
Geschmackssinn: Als reine Insektenfresserin jagt die Bechsteinfledermaus Falter, Käfer, Fliegen und Spinnen im Wald. Für insektenfressende Fledermäuse ist es überlebenswichtig, bittere Stoffe wahrzunehmen. Viele Insekten lagern zu ihrem Schutz Toxine ein, die extrem bitter schmecken. Der Geschmackssinn dient der Bechsteinfledermaus also als „letzte Kontrollinstanz“ im Maul, um ungenießbare oder giftige Beute sofort wieder auszuspucken. Rezeptoren für salzige und saure Komponenten sind vorhanden, um den Elektrolythaushalt zu regulieren und den Zustand der Nahrung zu prüfen
Sonstiges: Nutzt sensible Haare an Flughaut und Schnauze, um Luftströmungen und Hindernisse hautnah zu spüren
Frequenz/Rufe: 38kHz – 50kHz „…“, Ruflänge 2ms – 6ms
Lebenserwartung: Bis zu 21 Jahre
Lebensraum: Alte Laubwälder, bevorzugt Eiche, Streuobstwiesen, Waldrandnähe, feuchte naturbelassene Wälder, Schneisen und Wege
Sommerquartiere: Baumhöhlen, Steinmanrisse, Fledermauskästen
Winterquartiere: Baumhöhlen, Höhlen, Stollen, Keller
Lebensweise: …
Fortbewegung: …
Jagdverhalten: Fliegt in der späten Abenddämmerung aus. Gejagt wird im langsamen Flug oft in dichten Laubholzwäldern. Kann Beute direkt von Blättern oder dem Boden absammeln. Durchschnittliche Flugstrecke ins Jagdgebiet ca. 4km vom Quartier entfernt
Nahrung: Florfliegen, Käfer, Schmetterlinge, Spinnen, Zweiflügler (Schnaken)
Kot: Der Durchmesser der einzelnen Kotkrümel beträgt etwa 2,5mm – 3mm. In der Länge erreichen sie oft die Größe eines Reiskorns oder knapp darüber. Im frischen Zustand sind die Enden (Pole) meist beidseitig asymmetrisch spitz geformt. Der Kot ist meist eher braun (was stark mit den gefressenen Beutetieren zusammenhängt) bis schwarzbraun. Er hat keine weißen Anteile (weiße Flecken deuten dagegen auf Vogelkot hin). Da Fledermäuse reine Insektenfresser sind, besteht ihr Kot fast ausschließlich aus unverdaulichen Chitinpanzern, Flügeln und Beinen. Wenn man den Kot (am besten mit Einmalhandschuhen) zwischen den Fingern verreibt, zerfällt er sofort zu feinem, trockenem Staub. Schaut man sich den zerriebenen Staub im Licht an, glitzert und funkelt er leicht wegen der winzigen Chitin-Reste der Insekten
Fortpflanzung: Nesthocker, werden meist in sogenannten Wochenstuben geboren. Diese Wochenstuben befinden sich typischerweise in sonnenbeschienenen, gut erwärmte Baumhöhlen in alten Laubbäumen wie Eiche oder Buche; selten auch in Fledermauskästen oder in Gebäuden. Diese umfassen meist 10 – 80 Tiere
Paarungszeit: Mitte August, dann 5 – 6 Monate Keimruhe
Balzverhalten: Männchen besetzen oft bestimmte Baumhöhlen oder Bereiche und locken Weibchen mit speziellen, lauten Balzrufen an, die sich deutlich von den leisen Echoortungsrufen bei der Jagd unterscheiden
Tragzeit: 50 – 60 Tage
Wurfzeit: Mitte Juni – Anfang Juli
Wurfgröße: 1 Jungtier
Anzahl der Würfe: 1 Wurf pro Jahr
Säugezeit: 5 – 7 Wochen
Selbstständig: 5 – 7 Wochen
Geschlechtsreife: Ca. 1 Jahr
Jungensterblichkeit: …
Natürliche Feinde: Eulen, Greifvögel, Katzen, Marder, Wiesel
Abwehrverhalten: Die Tiere wechseln ihre Baumhöhlen ständig, um Parasiten und Feinde zu verwirren Tagsüber verharren sie reglos in engen Baumspalten oder Spechthöhlen. Im Ernstfall nutzen sie ihre breiten Flügel für blitzschnelle Fluchtmanöver im dichten Geäst. Bei Störung stoßen sie leise Zisch- oder Klicklaute aus
Krankheiten: Fledermaustollwutvirus (EBLV)
Schutzstatus:
– Bundesnaturschutzgesetz
– FFH Richtlinie – Anhang IV
Es ist verboten, Bechsteinfledermäuse zu töten, zu verletzen, zu fangen oder zu stören sowie das Beschädigen oder Zerstören von Fortpflanzungs- und Ruhestätten. Es drohen bei Verstoß eine Geldstrafe von bis zu 50.000€ oder eine Freiheitsstrafe!
Im Bundesjagdgesetz (BJagdG): Nein
Funktion im Ökosystem: Fängt nachts zahlreiche Schmetterlinge, Mücken und Spinnen direkt von Blättern oder im Flug. Steht stellvertretend für intakte, alte und totholzreiche Laubmischwälder. Ihr Schutz hilft auch anderen Höhlenbewohnern und waldgebundenen Tieren wie Spechten
Bechsteinfledermäuse brauchen Hilfe, wenn …
– sie am Boden oder auf der Straße liegen, dann sind die Tiere oft krank, erschöpft oder nach einer Kollision verletzt
– sie offen am Gebäude hängen oder krabbeln, drohen oft Hunger, Durst oder Angriffe
– Jungtiere gefunden werden, die versehentlich aus der Baumhöhle gestürzt sind
– sie nach dem Transport von Feuerholz mit hinein getragen wurden
– alte Höhlenbäume gefällt oder zerstört wurden
Wie helfe ich richtig?
– Nicht mit bloßen Händen anfassen. Fledermäuse können beißen, wenn sie Angst haben. Immer dicke Handschuhe (Gartenhandschuhe) oder ein Tuch benutzen
– Das Tier vorsichtig mit dem Tuch greifen.
– Sehr kleine Luftlöcher in den Karton stechen
– Fledermaus hinein setzen
– Ein Stück Stoff (z.B. ein altes T-Shirt) oder ein Tuch hinein, in das sich das Tier zurückziehen kann
– Wenn das Tier sehr schwach oder kalt wirkt, kann man eine Wärmflasche (körperwarm) eingewickelt in eine Socke neben das Tier in den Karton legen
– Karton an einen kühlen, dunklen und ruhigen Ort stellen
– Experten kontaktieren Fledermäuse sind Wildtiere und brauchen fachkundige Hilfe, besonders wenn sie verletzt sind oder es sich um ein Jungtier handelt
– Fledermauspflegestelle oder Wildtierstationkontaktieren
– Keine Nahrung geben, Fledermäuse sind Spezialisten. Falsches Futter (wie Milch) führt zum Tod
– Eine verletzte oder am Tag gefundene Fledermaus nicht einfach wieder fliegen lassen, sie wird wahrscheinlich nicht überleben
– Nicht in die pralle Sonne stellen
Was kann ich tun um Konflikte zu vermeiden?
– Um bekannte Wochenstuben große Schutzbereiche ohne Holzeinschlag einhalten
– Unumgängliche Eingriffe außerhalb der sensiblen Aufzuchtzeit im Sommer planen
– Vorkommen der Fledermäuse durch Experten (z. B. mit Detektoren) prüfen lassen
– Windkraftanlagen außerhalb von sensiblen Waldbetretungs- und Jagdgebieten errichten
– Flugwege zwischen Quartieren und Jagdgebieten nicht zerschneiden
Was kann ich tun um die Bechsteinfledermaus zu unterstützen?
– Die Bechsteinfledermaus ist auf alte Laubbäume mit Spechthöhlen angewiesen
– Kolonien wechseln alle paar Tage die Höhle, weshalb ein ganzer Verbund alter Bäume im Wald nötig ist
– Sich für eine naturnahe Waldwirtschaft aussprechen, die Altholzinseln und Habitatbäume stehen lässt
– Garten naturnah belassen
– Auf Pestizide verzichten, um die Nahrungsgrundlage zu sichern
– Spezielle Flachkästen oder Höhlenkästen an Bäumen oder Gebäuden bieten zusätzliche Sommerquartiere
– Nächtliche Dauerbeleuchtungen am Haus vermeiden, da diese Fledermäuse stören
– Lokale Verbände oder Initiativen freuen sich über Spenden oder ehrenamtliche Mithilfe
