Einheimische Art
Klasse: Säugetiere
Ordnung: Fledertiere
Familie: Glattnasen
Art: Fransenfledermaus
Geschichte: Die Fransenfledermaus blickt sowohl aus evolutionärer als auch aus wissenschaftshistorischer Sicht auf eine faszinierende Geschichte zurück. Ihr Ursprung liegt tief in der Entwicklungsgeschichte der Fledertiere in Eurasien. Fledermäuse gehören zu den ältesten Säugetiergruppen der Erde. Ihre evolutionären Linien trennten sich vor rund 65 Millionen Jahren (nahe der Kreide-Paläogen-Grenze) im damaligen Urkontinent Laurasia. Die Fransenfledermaus gehört zur Familie der Glattnasen (Vespertilionidae) und zur weltweit verbreiteten Gattung der Mausohren. Diese Gattung entwickelte sich im Laufe des Miozäns vor vielen Millionen Jahren zu extrem spezialisierten Insektenjägern. Der direkte geografische Ursprung der Fransenfledermaus liegt in Eurasien. Von dort aus breitete sie sich über fast ganz Europa, Teile Nordafrikas und den Nahen Osten aus. Moderne genetische Untersuchungen haben gezeigt, dass die „Fransenfledermaus“ keine einzelne, einheitliche Art ist. Es handelt sich historisch um einen sogenannten Artkomplex (kryptische Arten). Durch die Eiszeiten wurden Populationen voneinander getrennt, sodass sich im Mittelmeerraum und im Osten eigenständige Schwesterarten abspalteten (wie z. B. die Kryptische Fransenfledermaus Myotis crypticus). Die Fransenfledermaus sensu strictu (im engsten Sinne) ist heute vor allem in Mittel- und Nordeuropa heimisch. Im Jahr 1817 wurde die Fransenfledermaus von dem deutschen Naturforscher Heinrich Kuhl erstmals offiziell wissenschaftlich beschrieben. Mit dem Artnamen ehrte Kuhl den bedeutenden österreichischen Zoologen und Naturforscher Johann Natterer (1787–1843), welcher damals intensiv die Tierwelt erforschte und zahlreiche Präparate sammelte. Die Bezeichnung „Fransenfledermaus“ verdankt das Tier einem besonderen anatomischen Merkmal: Der Rand ihrer Schwanzflughaut ist mit zwei dichten Reihen kurzer, steifer Borsten (Fransen) besetzt. Historisch war die Fransenfledermaus eine reine Waldfledermaus, die in alten, unterholzreichen Laubwäldern in Baumhöhlen lebte. Mit dem Wandel der europäischen Landschaft durch den Menschen passte sich die Art flexibel an. Sie entwickelte sich zum Kulturfolger. Heute nutzt sie neben Baumhöhlen sehr intensiv menschliche Bauwerke, insbesondere Spalten an Häusern, Dachstühle und landwirtschaftliche Gebäude. Berühmt ist sie in der Biologie dafür, dass Kolonien (Wochenstuben) den Sommer in Kuhställen verbringen. Dort jagt sie Fliegen direkt von der Decke oder den Wänden – ein Verhalten, das sich erst durch die Viehhaltung des Menschen entwickeln konnte
Mythologie: …
Buchtipps:
– Fledermaus ganz nah von Ingrid Kaipf
– Fledermäuse beobachten, erkennen und schützen von Kurt Richarz
Beschreibung: Oberseite bräunlich grau. Unterseite hell grauweiß. Jungtiere dunkler grau ohne die Brauntöne der Alttiere. Schwanzflughaut hat gekrümmte, steife Haare „Franzen“. Ohren und Ohrdeckel auffällig lang
Körpergröße: 4cm – 5,5cm
Flügelspannweite: 24cm – 28cm
Unterarmlänge: 3,5cm – 4,6cm
Gewicht: 5g – 14g
Herzfrequenz: In Aktivitätsphasen; 800 – 900 Schläge pro Minute, im Winterschlaf; 10 – 20 Schläge pro Minute
Körpertemperatur: In Aktivitätsphasen; 35°C – 40°C, im Winterschlaf; 2°C – -8°C
Sinnesleistung:
Sehvermögen: Wichtige unterstützende Rolle im Alltag und bei der Dämmerungsjagd
Gehör: Hervorragendes Gehör erlaubt es ihr, Insekten sogar direkt von Blättern oder Baumrinde abzusammeln
Geruchsinn: Unterstützt die allgemeine Wahrnehmung der Umwelt und die Erkennung von Quartieren oder Artgenossen
Geschmackssinn: Besitzt einen funktionierenden und evolutionär intakten Sinn für Bittergeschmack. Dies ist für sie überlebenswichtig, da viele Insekten, Käfer und Spinnen toxische oder ungenießbare chemische Abwehrstoffe bilden, die bitter schmecken. Der Geschmackssinn dient hier als Warnsystem vor Vergiftungen
Sonstiges: Die typischen fransenförmigen Borsten an der Schwanzflughaut helfen beim Greifen und Festhalten von Krabbeltieren
Frequenz/Rufe: 28kHz – 53kHz „…“, Ruflänge 2ms – 5ms
Lebenserwartung: Bis zu 18 Jahre
Lebensraum: Parks, lichte Wälder, Schneisen, Strauchzonen, Obstgärten, Feuchtgebiete, an Gewässern und in Dörfern
Sommerquartiere: Baumhöhlen, Fledermauskästen, Spalten an Hausfassaden, Felsspalten, Mauerritzen, Höhlen
Winterquartiere: Felsspalten, Höhlen, Stollen, Bergkeller und andere unterirdische Gänge
Lebensweise: Teilt das Quartier manchmal mit Wimpernfledermäusen
Fortbewegung: Fliegt 10km/h – 15 km/h . Kann sich an rauen Flächen, Wänden oder in Verstecken flink krabbelnd fortbewegen
Jagdverhalten: Fliegt in der späten Abenddämmerung aus. Gejagt wird im langsamen Flug auf engstem Raum, oft über Sträuchern, nah an der Vegetation und in Baumspitzen. Fängt Beute häufig mit der Schwanzflugheut. Kann Beute direkt von Blättern fangen. Sie beherrscht den Rüttelflug. Durchschnittliche Flugstrecke ins Jagdgebiet ca. 3km vom Quartier entfernt
Nahrung: Asseln, Fliegen, Hundertfüsser, Käfer, Köcherfliegen, Schmetterlinge, Spinnen, Steinfliegen, Weberknechte, Zweiflügler
Kot: Einzelnen Kotkörnchen sind braun bis schwarz, länglich und etwa so groß wie ein Reiskorn bis zu knapp 1cm lang. Er enthält unverdauliche Reste von Insekten, Schmetterlingen, Käfern oder Spinnen, die oft leicht glänzen. Im Gegensatz zu Mäusekot ist Fledermauskot trocken und zerfällt sofort unter Druck, anstatt hart zu bleiben
Fortpflanzung: Nesthocker, werden meist in sogenannten Wochenstuben geboren. Diese Wochenstuben befinden sich typischerweise in geschützten Spalten in Baumhöhlen, an Gebäuden oder in alten Viehställen. Diese umfassen meist 10 – 200 Tiere
Paarungszeit: August – September, dann 5 – 6 Monate Keimruhe
Balzverhalten: Männchen senden hörbare Sozialrufe sowie komplexe Ultraschallgesänge aus, um Partnerinnen anzulocken, wobei der genaue Ablauf des Schwarms von Forschern noch intensiv untersucht wird
Tragzeit: 50 – 60 Tage
Wurfzeit: Anfang Juni – Anfang Juli
Wurfgröße: 1 Jungtier
Anzahl der Würfe: 1 Wurf pro Jahr
Säugezeit: Ca. 4 Wochen
Selbstständig: Ca. 4 Wochen
Geschlechtsreife: Ca. 1 Jahr
Jungensterblichkeit: …
Natürliche Feinde: Eichhörnchen, Eulen, Greifvögel, Katzen, Marder, Spechte, Stare
Abwehrverhalten: Wählen gezielt enge Verstecke in Baumhöhlen, hinter Rinde, in Mauerspalten oder in engen Holzbalken-Zapfenlöchern, die für Marder unerreichbar sind. Bei Angriffen im Freiflug nutzen sie ihre extreme Flugakrobatik, um Beutegreifern durch abrupte Haken und Ausweichbewegungen zu entkommen. Werden sie in die Enge getrieben oder angefasst, wehren sie sich mit deutlichen Drohgeräuschen und Bissen durch ihr spitzes Gebiss
Krankheiten: Bokeloh bat lyssavirus (BBLV), Fledermausfliegen, Milben
Schutzstatus:
– Bundesnaturschutzgesetz
– FFH Richtlinie – Anhang IV
Es ist verboten, Fransenfledermäuse zu töten, zu verletzen, zu fangen oder zu stören sowie das Beschädigen oder Zerstören von Fortpflanzungs- und Ruhestätten. Es drohen bei Verstoß eine Geldstrafe von bis zu 50.000€ oder eine Freiheitsstrafe!
Im Bundesjagdgesetz (BJagdG): Nein
Funktion im Ökosystem: Sie sammelt Insekten aktiv direkt von Pflanzenteilen oder Hauswänden ab, was freie Jagdnischen besetzt. Sie jagt gezielt in Viehställen nach Fliegen oder in strukturreichen Wäldern. Ihr Kot (Guano) liefert wichtige Nährstoffe für den Boden
Fransenfledermäuse brauchen Hilfe, wenn …
– sie tagsüber am Boden, auf der Straße oder frei an einer Hauswand hängen
– sie sichtbare Wunden, Brüche oder eine beschädigte Flughaut haben
– flugfähige Jungtiere aus dem Quartier gefallen sind (besonders bei starker Hitze)
– sie versehentlich mit Feuerholz ins Zimmer geholt wurden oder sich in Wohnungen verirrt haben
– Verstecke in Bäumen oder Gebäuden zerstört oder Fledermäuse vertrieben wurden
Wie helfe ich richtig?
– Nicht mit bloßen Händen anfassen. Fledermäuse können beißen, wenn sie Angst haben. Immer dicke Handschuhe (Gartenhandschuhe) oder ein Tuch benutzen
– Das Tier vorsichtig mit dem Tuch greifen.
– Sehr kleine Luftlöcher in den Karton stechen
– Fledermaus hinein setzen
– Ein Stück Stoff (z.B. ein altes T-Shirt) oder ein Tuch hinein, in das sich das Tier zurückziehen kann
– Wenn das Tier sehr schwach oder kalt wirkt, kann man eine Wärmflasche (körperwarm) eingewickelt in eine Socke neben das Tier in den Karton legen
– Karton an einen kühlen, dunklen und ruhigen Ort stellen
– Experten kontaktieren Fledermäuse sind Wildtiere und brauchen fachkundige Hilfe, besonders wenn sie verletzt sind oder es sich um ein Jungtier handelt
– Fledermauspflegestelle oder Wildtierstationkontaktieren
– Keine Nahrung geben, Fledermäuse sind Spezialisten. Falsches Futter (wie Milch) führt zum Tod
– Eine verletzte oder am Tag gefundene Fledermaus nicht einfach wieder fliegen lassen, sie wird wahrscheinlich nicht überleben
– Nicht in die pralle Sonne stellen
Was kann ich tun um Konflikte zu vermeiden?
– Ein kleines Brett oder Segeltuch unter dem Einflug anbringen, um Kot sauber aufzufangen
– Fenster in der Dämmerung geschlossen halten oder mit Insektennetzen versehen
– Weniger Außenlicht und warmweiße Lampen nutzen, um die Jagdgebiete nicht zu stören
– Dach- oder Fassadenarbeiten vorher prüfen lassen, um Quartiere nicht zu beschädigen
Was kann ich tun um die die Fransenfledermaus zu unterstützen?
– Im Garten komplett auf Gift und Pestizide verzichten
– Totholz, Hecken und alte Bäume stehen lassen, da die Tiere dort gerne jagen und Unterschlupf finden
– Helle, nächtliche Dauerbeleuchtung im Garten vermeiden, da dies Insekten anlockt und Fledermäuse stört
– Spezielle, raue Holzkästen dienen im Wald und am Haus als sicheres Sommerquartier
– Ungestörte Nischen und Ritzen an Gebäuden schaffen und den direkten Verschluss alter Spalten bei Renovierungen vermeiden
– Lokale Fledermausnotstationen und Pfleger benötigen finanzielle Hilfe für Futter, Medikamente und Material. Hier kann man Patenschaften übernehmen oder Organisationen wie den Fledermausschutz direkt unterstützen
