Einheimische – Art
Klasse: Säugetiere
Ordnung: Fledertiere
Familie: Glattnasen
Art: Großer Abendsegler
Geschichte: Der Große Abendsegler hat seinen evolutionären Ursprung in der Familie der Glattnasen (Vespertilionidae), die sich vor etwa 50 Millionen Jahren im Eozän entwickelte. Als eigenständige Gattung der Abendsegler (Nyctalus) hat die Art ihren biogeografischen Ursprung im eurasischen Raum. Fledermäuse allgemein stammen von baumbewohnenden, insektenfressenden Säugetieren ab, die vor rund 60 bis 65 Millionen Jahren auf dem Urkontinent Laurasia (aus dem das heutige Europa, Asien und Nordamerika hervorgingen) lebten. Die Abendsegler sind eine rein eurasische Gruppe. Fossilfunde zeigen, dass sich engere Verwandte der heutigen Abendsegler im Laufe des Miozäns und Pliozäns in den dichten Laubwäldern Eurasiens formierten. Nach der letzten Eiszeit breitete sich der große Abendsegler von seinen eiszeitlichen Zufluchtsorten (Refugien) im Mittelmeerraum und Nahen Osten wieder über ganz Europa und bis nach Asien aus. Da die Populationen heute genetisch sehr einheitlich (monomorph) sind, geht man von einer schnellen Ausbreitung aus. Der wissenschaftliche Name Nyctalus noctula leitet sich vom griechischen nyktalos (schläfrig/nachtaktiv) und dem lateinischen noctua (Nachteule) ab. Der deutsche Name verdankt sich seiner Eigenschaft, früh in der Abenddämmerung in rasantem, segelflugartigem Jagdstil über den Baumkronen zu fliegen
Mythologie: …
Buchtipps:
– Fledermaus ganz nah von Ingrid Kaipf
– Fledermäuse beobachten, bestimmen und schützen von Kurt Richarz
Beschreibung: Fell kurz, glänzend und gelb bis rotbraun. Kurze, rundliche Ohren mit pilzförmigem Ohrdeckel. Schmale Flügel
Körpergröße: 6cm – 8,5cm
Flügelspannweite: 32cm – 45cm
Unterarmlänge: 4,7cm – 5,9cm
Gewicht: 17g – 46g
Herzfrequenz: In Aktivitätsphasen; 900 Schläge pro Minute, im Winterschlaf; 20 Schläge pro Minute
Körpertemperatur: In Aktivitätsphasen; 36,5°C, im Winterschlaf; 1°C – 9°C
Sinnesleistung:
Sehvermögen: In der Dämmerung sehen die Tiere weitaus besser als Menschen
Gehör: …
Geruchsinn: Gut entwickelt, den er vor allem für die Erkennung von Artgenossen und Quartieren genutzt wird. Er verströmt selbst einen starken, moschusartigen Geruch, der besonders bei Männchen in der Paarungszeit intensiv ist
Geschmackssinn: Wahrnehmung von Bitterstoffen über Rezeptoren für bitteren Geschmack, um sich vor chemischen Abwehrstoffen von Insekten zu schützen
Sonstiges: Hält Temperaturen bis -3°C aus
Frequenz/Rufe: 17kHz – 29kHz „plip-plop“, Ruflänge 5ms – 28ms
Lebenserwartung: Bis zu 12 Jahre
Lebensraum: Laub- und Mischwälder, Flüsse, Wiesen, Auwälder, Buchenwälder, Parks und Feldgehölze mit Altholzbestand
Sommerquartiere: Spechthöhlen, Baumhählrn, Fledermauskästen, Spalten an Hausfassaden und Brücken, Felsspalten und Rolladenkästen
Winterquartiere: Spechthöhlen, Baumhählrn, Fledermauskästen, Spalten an Hausfassaden und Brücken, Felsspalten und Rolladenkästen
Lebensweise: Die Quartiere werden zum Teil mit dem kleinen Abendsegler geteilt
Fortbewegung: Der große Abendsegler ist eine extrem schnelle, wendige Fledermaus. Im schnellen Jagdflug erreicht er hohe Geschwindigkeiten von bis zu 50km/h
Jagd: Fliegt unmittelbar nach Sonnenuntergang aus. Gejagt wird im schnellem, geradlinigem Flug in bis zu 100m Höhe. Beherrscht die Fähigkeit Sturzflüge über Gewässern und Wiesen zu fliegen. Teils auch tagsüber. Durchschnittliche Flugstrecke ins Jagdgebiet ca. 10km vom Quartier entfernt
Nahrung: Käfer, Köcherfliegen, Mai- und Junikäfer, Schmetterlinge, Wanzen, Zweiflügler
Kot: Der Kot des großen Abendseglers ist trocken, länglich und etwa 8mm – 10mm lang. Da der große Abendsegler große Insekten wie Käfer und Falter frisst, enthält seine Losung unverdaute, glänzende Insektenreste (Chitinpanzer). Der Kot ist sehr trocken und krümelig. Reibt man ein Kötel zwischen den Fingern, zerfällt es sofort staubartig – im Gegensatz zu hartem Mäusekot. Es sind keine weißen Reste enthalten (was bei Vogelkot der Fall wäre)
Fortpflanzung: Nesthocker, werden meist in sogenannten Wochenstuben geboren. Diese Wochenstuben befinden sich typischerweise in alte Spechthöhlen oder große Spalten in alten Bäumen (Wälder, Alleen, Parks). Meist bestehen sie aus etwa 20 – 70 Tieren
Paarungszeit: August – Oktober, dann 5 – 6 Monate Keimruhe
Balzverhalten: Männchen besetzen Baumhöhlen oder Fledermauskästen als Balzquartiere, singen vogelähnliche Balzlaute am Höhleneingang oder im Flug, markieren das Revier mit Drüsensekret und locken so vorbeiziehende Weibchen an
Tragzeit: 49 – 50 Tage
Wurfzeit: Mitte Juni
Wurfgröße: 2 Jungtiere
Anzahl der Würfe: 1 Wurf pro Jahr
Säugezeit: Ca. 5 Wochen
Selbstständig: Ca. 5 Wochen
Geschlechtsreife: 1 – 2 Jahre
Jungensterblichkeit: …
Natürliche Feinde: Eulen, Greifvögel, Katzen, Baummarder
Abwehrverhalten: Geschwindigkeiten von bis zu 60 km/h, regelmäßige Umzüge mitsamt der Jungtiere, stoßen sie laute, hörbare Protest- und Schreckrufe aus. gefangene oder berührte Tiere wehren sich mit weit aufgerissenem Maul und schnellen Bissen, um sich zu Befreien
Krankheiten: Fledermaustollwut (Lyssavirus – EBLV), Flöhe, Gammaherpesviren, Milben, Zecken
Schutzstatus:
– Bundesnaturschutzgesetz
– FFH Richtlinie – Anhang IV
Es ist verboten, große Abendsegler zu töten, zu verletzen, zu fangen oder zu stören sowie das Beschädigen oder Zerstören von Fortpflanzungs- und Ruhestätten. Es drohen bei Verstoß eine Geldstrafe von bis zu 50.000€ oder eine Freiheitsstrafe!
Im Bundesjagdgesetz (BJagdG): Nein
Funktion im Ökosystem: Fängt nachts große Mengen fliegender Insekten wie Maikäfer, Mücken und Falter im freien Luftraum ab. Transportiert Nährstoffe durch seinen Kot aus den Jagdgebieten zurück in die Baumhöhlen. Steht am Ende der Nahrungskette für größere Eulen und Turmfalken. Zeigt den Reichtum an alten Baumhöhlen und naturnahen Strukturen an. Reduziert potenziell schädliche Insektenmengen in Forst- und Agrarlandschaften
Große Abendsegler brauchen Hilfe, wenn …
– sie am Tag oder zur Unzeit am Boden liegen und nicht mehr abfliegen können
– sie von einer Katze oder einem Hund gefangen oder angeschleppt wurden
– sie sichtbare Verletzungen, blutige Stellen, verkrüppelte oder eingerissene Flughäute haben
– sie extrem dünn oder kalt sind, ununterbrochen mit schwachen Lauten ruft
– Junge, noch unbehaarte oder kleine Fledermäuse, außerhalb des Verstecks auf dem Rasen oder Asphalt gefunden werden
Wie helfe ich richtig?
– Nicht mit bloßen Händen anfassen. Fledermäuse können beißen, wenn sie Angst haben. Immer dicke Handschuhe (Gartenhandschuhe) oder ein Tuch benutzen
– Das Tier vorsichtig mit dem Tuch greifen.
– Sehr kleine Luftlöcher in den Karton stechen
– Fledermaus hinein setzen
– Ein Stück Stoff (z.B. ein altes T-Shirt) oder ein Tuch hinein, in das sich das Tier zurückziehen kann
– Wenn das Tier sehr schwach oder kalt wirkt, kann man eine Wärmflasche (körperwarm) eingewickelt in eine Socke neben das Tier in den Karton legen
– Karton an einen kühlen, dunklen und ruhigen Ort stellen
– Experten kontaktieren Fledermäuse sind Wildtiere und brauchen fachkundige Hilfe, besonders wenn sie verletzt sind oder es sich um ein Jungtier handelt
– Fledermauspflegestelle oder Wildtierstationkontaktieren
– Keine Nahrung geben, Fledermäuse sind Spezialisten. Falsches Futter (wie Milch) führt zum Tod
– Eine verletzte oder am Tag gefundene Fledermaus nicht einfach wieder fliegen lassen, sie wird wahrscheinlich nicht überleben
– Nicht in die pralle Sonne stellen
Was kann ich tun um Konflikte zu vermeiden?
– Alte Bäume mit Höhlen sollten – wenn verkehrssicher – erhalten bleiben, um den natürlichen Lebensraum der Baumhöhlenbewohner zu sichern
– Da Fledermäuse beißkräftig sein können, wenn sie sich bedroht fühlen sollte man die Tiere im Notfall nur mit dicken Handschuhen anfassen
– Bei Forstarbeiten oder im eigenen Garten darauf achten, alte Höhlenbäume nicht grundlegend zu fällen
Was kann ich tun um die den kleinen Abendsegler zu unterstützen?
– Alte, freistehende Bäume mit natürlichen Baumhöhlen stehen lassen, da diese als essenzielle Tages- und Wochenstuben dienen
– Spezielle, große Fledermauskästen für Baumarten in Parks oder an geeigneten Giebeln anbringen
– Auf Pestizide und Insektengifte im Garten verzichten
– Einheimische Pflanzen und Kleinstgewässer anlegen, um die Vielfalt großer Fluginsekten (wie Käfer und Nachtfalter) als Hauptnahrung zu sichern
– Bei Citizen-Science-Projekten oder regionalen Abendseglerzählungen mitmachen und Beobachtungen in der Dämmerung weiterleiten
– Kontakt zu regionalen Naturschutzverbänden (wie dem NABU oder lokalen Fledermausgruppen) suchen, um Aufklärungsarbeit und Artenschutzprojekte zu unterstützen
